Spiel der Kraftvollen

Wenn zwei charaktervolle künstlerische Handschriften aufeinandertreffen, kann das zu unterschiedlichen Wirkungen führen. Entweder, sie ergänzen sich oder weichen sich gegenseitig auf. Möglich ist ebenso ein ausgewogenes, gleichgewichtetes Verhältnis. Das vielleicht auch zulassen würde, jeden Part für sich zu nehmen. Genau besehen brauchen die suggestiven, bewegten Klangräume von Heiner Goebbels kaum ein zusätzliches szenisches Realisieren. Sie sind so bildkräftig, aufregend, im besten Sinne formend, dass sämtliche Sinne dabei ausgiebig gefordert werden. Daran wird sich gewiss auch jeder erinnern, der die Aufführungen von "Schwarz auf Weiß" und "Eislermaterial" mit dem Ensemble Modern bei früheren Tagen zeitgenössischer Musik erlebte.
Die Bewegungssprache der französischen Choreographin Mathilde Monnier beweist ihrerseits so viel Eigenständigkeit - und das beileibe nicht nur in diesem Stück -, dass das musikalische Material, rhythmisierte, treibende, sphärische Klangstrukturen, quasi in der Körpersprache aufgehoben scheinen. Man sieht nicht nur Bewegung, sondern spürt sie in ihrer Musikalität fast körperlich. Und nimmt die sich fast beiläufig ergebenden Situationen, Konstellationen, wahr, ohne sie übermäßig deuten zu wollen, zu müssen.
Mathilde Monnier verzichtet auch in "Les lieux de l�" weitgehend auf einen künstlichen Gestus. Sie entwickelt ihre Bühnensprache fast zeichenhaft aus Notwendigkeiten heraus, schafft im Tanz - zuweilen wirkt ihre Art schon bald wie eine Verweigerung desselben - ein Geflecht sozialer Beziehungen. Worin der Einzelne eingewoben ist, aus dem er verstoßen wird; da gibt es Innen- und Außenkreise, Getrenntes und Verschmolzenes.
Beeindruckend ist, wie es die Choreographin versteht, Stimmungen und Sinnbilder zu assoziieren. Zum Beispiel, wenn sie ein geführtes Doppelwesen entwirft, Körper wie das Pendel vom Metronom "ausschlagen" lässt oder zu Ballungen anhäuft, um diese vielgestaltig wieder aufzulösen. Die elf Tänzer der Mathilde Monnier Dance Company aus Montpellier sind höchst individuell ausgewählt, haben trotz gemeinsamer Ansatzpunkte unterschiedliche stilistische Prägungen.
Sowohl im Bühnenbild von Annie Tolleter wie auch im szenischen Geschehen spielen Mauern, hoch und quer Gestapeltes, Gehäuftes als Metapher eine Rolle. Feststehende Wände werden überwunden, Darsteller zwängen sich durch schmale Zwischenräume, eine Tänzerin wird in die Spalte geklemmt, kann sich nur mühsam halten. Und es formen sich Mauern aus Leibern, sind Symbol bröckelnder Geschlossenheit, von Nähe und Distanz, reihen sich Körper schutzsuchend aneinander, wagt der eine oder andere den Sprung ins Ungewisse. Zum Schluss ein Bild in Grau; Menschen im vergeblichen Bemühen. Wer denkt da nicht an jüngst Erlebtes, schmerzhaft Erfahrenes.
Zwei Jahre hat es für dieses Stück von Mathilde Monnier gebraucht, das sie selbst als ein choreographisches Tagebuch bezeichnet. Eine treffende Charakterisierung. Spürt man doch deutlich, wie Möglichkeiten immer wieder durchgespielt, Varianten ausprobiert werden. Auch, wenn sie sich nicht zwangsläufig bedingen; missen möchte man an diesem Abend weder die Klangräume von Goebbels noch die Körpersprache der Monnier. Übrigens sitzt der Musiker Alexandre Meyer mit seinem Instrumentarium wie auf einer Insel im Hintergrund des Bühnengeschehens. Und erfüllt im Zusammenklang von Gitarre und Elektronik den Raum gleichgewichtet, unüberhörbar. Ein Spiel der Kräfte. Und zweier Kraftvoller.
(Gabriele Gorgas)

Gabriele Gorgas
Bühne Dresden (DE), 7 October 2002