Suggestives Gedicht vom Fremdsein

Komponist Heiner Goebbels' 'Glücklose Landung' im Marstall

Ein faszinierender Grenzgang zwischen Konzert, Theater-Performance und Installation: 'Ou bien le débarquement désastreux - Oder die glücklose Landung', die der Komponist Heiner Goebbels auf Einladung der Marstall-Leiterin Elisabeth Schweeger nach der Uraufführung in Paris nun in München präsentierte.
Das Genre ist nicht leicht, und allzuoft wird es leichtsinnig gehandhabt. Die offene Assoziation zwischen Text, Ton und Bild verführt nicht selten zur Beliebigkeit. Alles ist möglich, nichts so recht greifbar, und Tiefsinn läßt sich überall hineingrübeln. Aber Heiner Goebbels gelingt mit seiner vielgleisigen Reise ein intuitiv zu erlebender Dialog zwischen Natur und Künstlichkeit.
Die strukturell streng gegliederte Inszenierung basiert auf drei Säulen: den von André Wilms mit suggestivem Einsatz gesprochenen Texten von Joseph Conrad, Francis Ponge und Heiner Müller (alles zum Thema Wald), der Musik-Collage zwischen aggressiver Moderne und kontemplativer Authentizität aus Afrika und der dominierenden Raumgestaltung von Magdalena Jetelovà.
Eine eisenbeschlagener, gewaltiger Trichter beherrscht das Theater. Aus ihm kann weißer Sand fließen, den Wilms mit wenigen Handbewegungen zu einer Miniaturlandschaft formt; mit großen brennenden Streichhölzern kann er darin sogar Wälder pflanzen und abbrennen lassen. Später kippt der Trichter, öffnet sich zu einem perspektivischen Säulenraum, der die Wald-Assoziation nur noch als Reproduktion zitiert, um dann am Ende zur geschlossenen Pyramide zu werden. Eine hennarot leuchtende Wand aus wehenden Wollfäden bringt die Natur ganz lebendig, aber auch bedrohlich ins Spiel. Das könnte auch eine Feuersbrunst sein, während das dritte Element, das Wasser, nur noch als geborstenes Glas am Boden liegt.
Harte Posaunenklänge, E-Gitarre und der elektronisch verfremdete Sound des Daxophons steigern das von Licht- und Schattenspielen dramatisch durchzogene Spiel mit sich steigernder sinnlicher Energie. Dagegen setzt Goebbels die stoische Ruhe des von Boubakar Djebate gespielten Zupfinstruments der Kora und den konzentrierten Gesang seiner Frau Sira Djebate. Kulturen werden gegeneinandergestellt, begegnen sich in Würde, driften wieder auseinander. Unversöhnbar? - Mythische Urkraft wird zum Konzert mit den Dissonanzen der Zivilisation gezwungen: ein dreidimensionales Gedicht vom Fremdsein.
(Gerd Gliewe)

Gerd Gliewe
Abendzeitung München (DE), 31 January 1994