Klangräume, Tagträume

Heiner Goebbels in Freiburg und Genf

Das Eigenartige: diese Sogwirkung; diese Kraft, das Innere zu beleben und die eigene Imagination anzuregen; am Ende dies Gefühl von Erfrischung, ja von Glück. Eine konkrete Botschaft, eine nacherzählbare Geschichte vermitteln die Produktionen des 1952 geborenen Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels nicht. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, wie sie Atmosphären aufbauen, die jeweils den ganzen Raum erfüllen, und wie sie Bausteine auslegen, in denen man sich nach eigenem Gutdünken umtun und an denen man sich wahrhaft satt sehen und satt hören kann. Die Gegenstände, denen sie sich zuwenden, sind abstrakter Natur, das lassen schon die Titel erahnen. Und ihre Methode ist die Musik - freilich die Musik in ihrer ganzen stilistischen Breite und, vor allem, in ihrem ganzen theatralischen Potenzial. Fundstücke werden da zusammengesetzt, verfremdet, weitergedacht; und stets wird die mit dem Herstellen von Klang verbundene Körperlichkeit, die auf dem Konzertpodium und im Orchestergraben nach Massen kaschiert wird, für die Erzeugung szenischer Aktion genutzt - unter tatkräftiger kreativer Mitwirkung der Interpreten. Darin ist das Schaffen von Goebbels mit dem Denken von Christoph Marthaler verwandt, auch wenn es in der Wirklichkeit des Abends grundsätzlich anders erscheint,
«Eislermaterial» von 1998 zum Beispiel - ein in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern entstandenes Projekt der Erinnerung an Hanns Eisler im Jahr seines hundertsten Geburtstags. Bei der Uraufführung in der Münchner Muffathalle gab es nicht viel zu sehen. Die Mitglieder des Ensembles waren längs der drei Seiten der schwarz ausgeschlagenen Bühne aufgestellt; in der Mitte, wo sonst der Dirigent seinen Platz hätte, ein Stapel Notenbände, eine Auswahl aus der Eisler-Gesamtausgabe, und auf ihnen eine kleine Statue des Komponisten. Dennoch war der Raum ganz und gar erfüllt von der Person und der Persönlichkeit Eislers. Das lag an der Präsenz seiner Musik, die Goebbels ausgewählt, bearbeitet und durch Eigenes ergänzt hat: der vielen auf Texte Brechts geschriebenen Lieder, die einen Begriff von dem ästhetisch-gesellschaftlichen Engagement Eislers vermittelten. Es ging auf die Ausstrahlung des Schauspielers Josef Bierbichler zurück, der die Lieder sehr gekonnt mit jener schütteren Stimme, die an Eislers eigene Auftritte erinnerte, und mit jener scheuen Zurückhaltung vortrug, die den ehrlichen Kern der Werke hervortreten liess. Und natürlich ergab es sich aus jenen zwei Textcollagen, welche die Stimme Eislers vielfach übereinander geschichtet in den Raum trug. Das alles wird durch die von ECM vorgelegte CD-Aufnahme vorzüglich vermittelt.
Auch «Surrogate Cities» von 1996 liegt auf CD vor, doch ist das hier vielleicht nicht das geeignete Medium. «Surrogate Cities» lebt nämlich in weitaus höherem Mass von szenischer Aktion - so jedenfalls der Eindruck bei der blendenden Produktion, mit der das Theater Freiburg im Breisgau seine neue Saison und zugleich die Intendanz von Amélie Niermeyer eröffnete. Spartenübergreifendes Denken soll in diesem Stadttheater, das nach traditioneller Weise Oper, Schauspiel und Tanz unter einem Dach vereinigt, jetzt herrschen. Und so brachte «Surrogate Cities» das von Kwamé Ryan mit einzigartiger rhythmischer Elastizität geleitete Freiburger Orchester, das Ballett in einer Choreographie seiner Leiterin Amanda Miller sowie, angeführt von dem für die Oper wie für das Schauspiel zuständigen Oberspielleiter Thomas Krupa, eine Reihe von Schauspielern und Sängerinnen zusammen. Eine enorme Fülle an Bewegungen, Klängen, Textfetzen ergab sich da - und eine Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Aktivitäten, wie sie sich auf den Strassen der Grossstadt erleben lassen. Das Orchester war in zwei nach hinten verlaufenden Gruppen auf der von Andreas Jander gestalteten Bühne placiert, und in den ruhigen Gängen der Musiker spiegelte sich jene Beweglichkeit, welche die rhythmisch orientierte, durch elektronische Klänge angereicherte Partitur vorgibt. Auch hier viele Einwürfe, Ausrufe und vielsprachige Textverläufe, die nicht auf stringente Gedankenführung, vielmehr auf kreatives Assoziieren ausgerichtet sind. Wie das alles vom versammelten Ensemble des Freiburger Theaters gemeistert wurde, sorgte für einen wahrhaft markanten Auftakt.
Von durchgehender Spannung getragen das Ganze - und genau das ist es, was «Paysage avec parents éloignés», dem jüngsten Stück von Heiner Goebbels, zu fehlen scheint. Mag sein, dass es mit der noch eine Spur abstrakteren Thematik zusammenhängt. «Paysage avec parents éloignés», entstanden im Auftrag der Europäischen Festival- Vereinigung und durch das Genfer Grand Théâtre in dem dafür sehr geeigneten Bâtiment des Forces Motrices uraufgeführt, setzt sich mit der Tatsache auseinander, dass in der Betrachtung eines - im Gegensatz zu dem stets zielgerichteten Lesen eines Textes oder dem Hören von Musik - jederzeit ein Innehalten, ein Wechsel der Perspektive, ein Wahrnehmen anderer Einzelheiten möglich sind. So stellt Goebbels auch hier eine ganze Reihe von Auszügen aus kunsttheoretischen Texten, aber auch von Betrachtungen allgemeiner Art zusammen - wie stets in den verschiedensten Sprachen. Und wie stets mischt er Musiken verschiedenster Provenienz, bringt er Anklänge an weit vergangene Epochen mit exotischen Instrumenten zusammen. So öffnet auch «Paysage avec parents éloignés» weite Klangräume und lädt eine Dramaturgie des Traums zur Hingabe ein - allein: Das Thema packt nicht wirklich, die Abfolge der Texte wirkt nicht selten beliebig, der Einstieg entwickelt sich zähflüssig, und nach zwei Dritteln dieses gut zweieinhalbstündigen, ohne Pause gegebenen Abends kommt es zu Durchhängern. Die Reaktion des Publikums stand dafür; es gab geräuschvollen Premierenschlaf und bedeutende Abgänge.
Dabei hat Goebbels, was Imagination und Handwerk betrifft, eine Virtuosität sondergleichen erreicht und steht ihm mit dem Ensemble Modern (Leitung: Franck Ollu) ine Gruppe kongenialer Interpreten zur Seite. Und das braucht es hier, denn «Paysage avec parents éloignés» ist für ein Ensemble komponiert, dessen Mitglieder nicht nur ihre Instrumente betätigen, sondern auch rezitieren,singen und auf der Bühne agieren. Es gibt einen Sprecher (David Bennent, des Französischen wie des Deutschen mächtig), es gibt einen Bariton (Georg Nigl) - den ganzen Rest des zahlreichen Personals stellt, neben dem 16-stimmigen Chor des Genfer Grand Théâtre, das Ensemble. Da wird ein Triumphmarsch getrommelt und geschrien, da werden riesige Puppen bewegt, werden Modelle mittelalterlicher Burgen in Brand gesetzt, wird eine rührselige Country-Szene gestellt, und am Ende kommt es zum durchgehenden Klang indischer Tempelglocken, zu einer Abschiedssinfonie à la Haydn. Reichhaltig assoziierend die Bühne von Klaus Grünberg und raffiniert sein Licht, verspielt die Kostüme von Florence von Gerkan. An Sinnesreizen fehlt es nicht - und doch: An «Surrogate Cities», an «Eislermaterial» und erst recht an eine Grosstat wie das Hörspiel «Wolokolamsker Chaussee» von 1989 kommt diese Produktion nicht heran.

Peter Hagmann
Neue Zürcher Zeitung (CH), 18 October 2002