Wunderbare Einladung an die Phantasie

Hebbel Theater: Heiner Goebbels' 'Die Wiederholung'

Der Anfang ist klug gesetzt und erzwingt unbedingte Aufmerksamkeit: Ein Mann sitzt an einem langen Tisch mit dem Rücken zum Publikum; er beschreibt einen Bühnenvorgang bis ins Detail und führt ihn aus. Und plötzlich stimmen Text und Handlung nicht mehr überein, der Bühnenraum ist nicht mit dem Beschriebenen identisch, aber man kann ihn sich vorstellen.
Der Zuschauer ist eingeladen, das Bühnengeschehen mit seiner Phantasie in Einklang zu bringen, und der Bühnenbildner Erich Wonder hat Räume geschaffen, in denen das Wunderbare geht. Die Bühne wird zum vollendeten Imaginationsraum. Wände bewegen sich lautlos, Lichtkorridore gliedern die leere Bühne, und die Drehbühne wird zum Mitspieler der Akteure.
Szenenwechsel: Salongeplänkel zwischen Mann und Frau, gesuchte und unmögliche Nähe, fast eine Liebesgeschichte. Die Szene taucht wieder auf, und diesmal sind die Rollen verkehrt, die Akteure ausgetauscht.
Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete, vielfältige Künstler Heiner Goebbels hat nach Motiven des Philosophen Sören Kierkegaard und des Romanciers Alain Robbe-Grillet einen Abend gestaltet, der mit Wiederholungen spielt, sie aber nicht stupide durchexerziert. Die Texte, auf die er für 'Die Wiederholung' zurückgriff, sind keine Theatertexte. Aber ihm ist eine, wundersame, alle Sinne schärfende Umsetzung gelungen.
Drei präzis agierende Darsteller bringen die Texte zum Leben, untermalen sie mit Musik. Zusammen mit Wonders Bühne ist ein kleines Gesamtkunstwerk entstanden. Goebbels hat ein überzeugendes Gespür für den richtigen Rhythmus, das Tempo stimmt immer. Zwar hat er die Schauspieler in eine feste Choreographie gezwungen, aber es gelingt den Dreien stets, die strenge Form auch mit Inhalt zu füllen. Fast alle Texte werden mehrfach verwendet, in der Wiederholung sind sie immer wieder neu erlebt und völlig anders. Das alles ist kein vergeistigtes, kopflastiges Theater, sondern Theater auf höchstem Niveau.

Christine Gerberding
Berliner Morgenpost (DE), 15 October 1995