Hanns Eisler durch Heiner Goebbels

Heiner Goebbels gehört zu den eigenwilligsten und originellsten Persönlichkeiten des deutschen Musiklebens. Er ist und blieb geprägt durch die politische und ästhetische Sozialisation der 68er-Generation. In den kulturrevolutionären Jahren der Studentenbewegung, die weitaus weniger lustfeindlich waren, als manche Renegaten heute zu suggerieren bemüht sind, gründete er das Sogenannte Linksradikale Blasorchester, in dem Amateure und Profis gemeinsam einem anarchischen Musizieren huldigten, das in der Basler Fasnacht eher verwurzelt war als in den Blaskapellen Bayerns. Später beteiligte sich Goebbels, unter anderem mit dem Saxophonisten Alfred Harth, an zahlreichen Projekten im Bereich des Jazz und des Avantgarderock. Sein Musikverständnis, auch als Theaterkomponist, war stets experimentell, stets aber verehrte er ein großes Vorbild: den Schönberg-Schüler, Arbeiterchordirigenten, Brecht-Freund, Komponisten und Kommunisten Hanns Eisler.
Darin gleicht er dem Verehrten: auch Eisler verstand sich als Neuerer, wusste aber um die Bedeutung der Tradition, etwa eines Franz Schubert.

Heiner Goebbels erwies Hanns Eisler von Anfang an besonderen Respekt, indem er respektlos mit ihm umging. Denn nichts tut Eisler mehr Unrecht als eine museale Pflege. Zum Denkmal eignet er sich nicht, und auch in seiner letzten Heimat, der DDR, gelang es nicht, den gebürtigen Österreicher, der nach dem Ende des Nationalsozialismus in seinem "Vaterland" sowohl von der schwarzen Akademie für Musik und darstellende Kunst, wie vom roten Konservatorium der Stadt Wien abgelehnt wurde, vollends einzugemeinden. Heiner Goebbels begriff, dass man Eislers Provokation und Sperrigkeit, den Geist seiner Kompositionen nur bewahren kann, indem man sie aufbricht, erstarrten Hörkonventionen entzieht. Analog zu den dichterischen Versuchen eines anderen Vorbilds, nämlich Heiner Müllers, nannte Heiner Goebbels einen 1998 im Berliner Hebbel-Theater aufgeführten Abend Eislermaterial.

Aufbereitet wurde es vom Ensemble Modern und dem Schauspieler Josef Bierbichler. Der Achternbusch-Protagonist und Peymann-Mitarbeiter als Sänger ist eine überraschende Wahl. Wer etwa die Vier Lieder einer Arbeitermutter im Ohr hat, wie Gisela May sie über Jahrzehnte hinweg, scheinbar "authentisch", sang, wird zunächst irritiert sein über Bierbichlers hohe, dünne, kraftlose Stimme. Wäre diese Besetzung nicht schon 1998 beschlossen gewesen, könnte man vermuten, Goebbels habe sich dadurch inspirieren lassen, dass Bierbichler in einem Film Bertolt Brecht gespielt hat. Diese Vermutung wird jedoch durch die Chronologie dementiert. Zweifellos: hat man die erste Irritation überwunden, scheint einem die Wahl Bierbichlers genial (und ich benutze dieses Wort, mit Verlaub, in seinem ursprünglichen Sinne). Sein sängerisches Understatement, die Absenz des agitatorischen Pathos eines Ernst Busch und die demonstrative Sachlichkeit verleihen dem "Material" eine umso größere Eindringlichkeit, jedenfalls für unsere Epoche.

Die Lieder und Instrumentalstücke Hanns Eislers unterbricht Heiner Goebbels mit zwei Montagen von Fetzen aus Interviews mit dem Meister. Da bewährt sich seine Erfahrung mit dem Medium Hörspiel. Und Eislers Aussagenfragmente sind inhaltlich wie im sprachlichen Gestus faszinierend und so dicht, dass sie nach mehrmaliger Rezeption verlangen.
Die ermöglicht die CD. Der Theaterabend ist nun, nach vier Jahren, mit einem umfangreichen Textheft herausgekommen in der New Series von ECM.

Thomas Rothschild
Titel Kulturmagazin (DE), 22 February 2004