Walden und Ensemble Klang

Heiner Goebbels begreift das Komponieren als einen inszenatorischen Vorgang. Von der akademischen Avantgarde hat sich der in Frankfurt lebende Komponist so weit entfernt wie kaum ein anderer vor ihm. Goebbels komponiert nicht nach ,,Methode“, er folgt keiner Technik, keinem mathematischen Grundsätzen gehorchenden Regelwerk. Der unmittelbaren Zuschreibungen abholde, gleichwohl ablesbare ,,Stil“, die Ästhetik, die er seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt hat, steht Dogmen fern.
Meist sind es literarisch-philosophische Prosatexte, von denen Heiner Goebbels ausgeht. ,,Walden“, 1998 entstanden und nun in einer Aufführung des niederländischen Ensemble Klang mit dem Sprecher, Altsaxofonisten und Perkussionisten Keir Neuringer im Frankfurter Mousonturm zu sehen, geht zurück auf den Essayzyklus gleichen Titels von Henry David Thoreau. Der amerikanische Schriftsteller hatte sich in den Jahren 1845 bis 1847 in eine Blockhütte am in seinem Heimatstaat Massachusetts gelegenen Waldensee zurück gezogen.
Der Transzendentalist, der in Abkehr von dem bürgerlichen Besitzstandsdenken ein antizivilatorisches Leben verfocht, hat seine Erfahrung einer naturverbundenen Kontemplation tagebuchartig protokolliert. Heiner Goebbels greift in seinem einstündigen Ensemblestück die Erfahrung der Natur als Objekt einer geschärften sinnlichen Wahrnehmung auf. Die Musik enthält sich einer illustrativen Bestrebung im Sinne der Programmmusik. Goebbels bedient sich des Instrumentariums und der Spielweisen des Jazz, der Rock- und der ethnischen Musik ohne die Genres im Sinne der Postmoderne unmittelbar zu zitieren. Näher scheint eher das Prinzip der klassischen Bauhaus-Moderne, demzufolge die Form der Funktion, sprich: die Mittel dem musikalischen Zweck folgen sollen. Das Prinzip einer freien musikalischen Assoziation erschließt dem Hörer wiederum weite Freiräume des eigenständigen assoziativen Zugangs. Der Rezipient sieht sich in dem Sinne für voll genommen, dass er zu einer Freiheit der Wahrnehmung anregt wird.
Dieses Theater des Klangs steht in einer assoziativen Verbindung mit dem Text. Die Musik behauptet eine Eigenständigkeit. Die Aufführung mit dem famosen Keir Neuringer und dem jungen, vor sieben Jahren erst begründeten Solistenensemble vermag dem Vergleich mit dem hohen Maßstab, den Heiner Goebbels Leib- und Magenklangkörper, das Ensemble Modern gesetzt hat, standzuhalten. 
                                                                         

Stefan Michalzik
Offenbach Post (DE), 21 September 2010