Solo für Gehirn

Max Black gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der analytischen Philosophie in Amerika, hat sich in seinen Schriften insbesondere mit der Philosophie der Sprache und der Mathematik beschäftigt. Heiner Goebbels hat bereits Ende der 90er Jahre den Weg zur Beschäftigung mit Max Black gefunden und daraus einen musiktheatralen Abend entworfen. Dabei geht es ihm allerdings nicht darum, die Figur Max Black wieder aufleben zu lassen. In Anlehnung an den großen Denker schafft Goebbels eine Art Paraphrase über das Nachdenken und Forschen. Der Darsteller soll keine bestimmte Rolle spielen, er steht sinnbildlich für den denkenden Menschen, der permanent damit beschäftigt ist, etwas und, vor allem, sich selbst zu erfinden. Die Uraufführung des Ein-Personen-Stücks fand 1998 mit dem Schauspieler André Wilms in Lausanne statt, seitdem ist das Stück viele Male über Bühnen auf der ganzen Welt gegangen.

Heiner Goebbels steht für experimentelles Musiktheater, das zwar sehr von Text und Sprache geprägt ist, dabei aber nicht unbedingt den Fokus auf gesungene Texte legt. Es ist somit gleichsam Musiktheater, was sich zugleich von einigen der wesentlichen Elemente der Ursprünge des Musiktheaters, der Oper zumal, bewusst distanziert. Diese Tendenz ist in Max Black besonders ausgeprägt. Goebbels nennt diesen Abend Musiktheater, beim ersten Eindruck drängt sich jedoch die Frage auf, inwiefern diese Bezeichnung ihre Berechtigung hat. Der tatsächliche musikalische Anteil ist gering, es geht mehr um Geräusche, die auch die Versuche und Experimente des Protagonisten erzeugt werden. Und es geht sehr viel um gesprochene Sprache. Von Max Black selbst sind zwar auch Texte dabei, aber nur kurze Passagen, die meisten Texte sind von Paul Valéry, Georg Christoph Lichtenberg und Ludwig Wittgenstein, letztere in einer französischen Übersetzung. Somit wird der Abend fast ausschließlich von französischen Texten getragen. Die werden durch deutsche Übertitel erklärt. Aber es ist die Frage, ob das überhaupt sein müsste. Denn der Klang der französischen Sprache, gesprochen von einem Muttersprachler, gleichzeitig eingebunden in ein sehr präzise durchorganisiertes Stück, wird zum einem wesentlichen klanglichen Ausdrucksträger. Das Verständnis jedes einzelnen Wortes ist dabei nicht unmittelbar notwendig. Es geht darum, einen vom Denken und Forschen besessenen, im Grunde bereits verrückt gewordenen Menschen im Ausdruck seiner Entgrenzung zu zeigen.

Die Bühne ist eine Art Labor. Zwei Schreibtische mit Geräten und Versuchsanordnungen, ein paar Aquarien, die von oben herabhängen, ein auf dem Kopf stehendes Fahrrad und ein etwas demontiertes Klavier im Hintergrund bilden diesen Raum, den Klaus Grünberg entworfen hat. Der hochvirtuose Schauspieler André Wilms spielt und bewegt sich darin, er füllt den Raum ganz durch seine sprachliche Präsenz aus. Licht und pyrotechnische Effekte zur Illustration der unternommenen Versuche ergänzen diesen Raum, der gerade durch die Wechselwirkung zwischen Bildern und Schauspieler selbst zum Protagonisten, der Ort des Denkens bietet den Rahmen für das Denken. Die kahle und nüchterne Atmosphäre der Herrenhäuser Orangerie scheint dafür wie geschaffen.

Ein Solo für Gehirn, das ist dieses Stück. Dieses Gehirn drückt sich vor allem in der Kraft der Sprache aus. Darin liegt die große Stärke des Abends. Und auch wenn in der Tat wenig „richtige“ Musik zu hören ist, bleibt doch der Eindruck eines sehr genau gearbeiteten, mit Klängen und Geräuschen arbeitenden theatralen Ereignisses, das genau durch die präzise Abfolge wie in einer Partitur lebt.

Heiner Goebbels war bereits im letzten Jahr mit seinem Musiktheater Stifters Dinge bei den KunstFestSpielen zu erleben. Er war also kein Unbekannter mehr, was sicher für den großen Publikumszulauf verantwortlich ist. Gut gefüllt war somit die Orangerie, und nicht nur das. Die einhellige Begeisterung am Ende sprach dann auch deutlich dafür, dass diese Form von Theater in Hannover sehr gut angekommen ist.

Christian Schütte
Opernnetz (DE), 22 June 2011