Klang Explosion

Goebbels in den Kammerspielen

München - Wenn man gerade bei der Münchner Biennale die mehr oder weniger unsinnlichen oder unintelligenten Versuche durchgestanden hat, Musiktheater mit den Mitteln einer theaterfernen Avantgarde zu simulieren, ist Heiner Goebbels eine Wohltat. Es geht doch anders, wie schön, und das, obwohl Goebbels ja auch keineswegs Theater im engen Sinn macht. Und überhaupt: Es braucht gar nicht die Erfahrungen des Scheiterns an anderen Orten, um von Goebbels" spezifischem Personalstil begeistert zu sein. Hier wäre auch ein passender Nachfolger für Peter Ruzicka gefunden, wenn der 2014 seine letzte Biennale als deren Leiter verantwortet haben wird. Falls man nicht doch eine Münchner Lösung für interessant hält.

Wie auch immer: Die 'Carte Blanche' für Heiner Goebbels in den Münchner Kammerspielen war ein herrliches Beispiel dafür, wie Neue Musik funktionieren kann. Johan Simons, Kammerspielintendant, und Alexander Liebreich, Chefdirigent des ohne Probenraum bald in seiner Existenz bedrohten Münchener Kammerorchesters, entwerfen ja schon seit geraumer Zeit zusammen Konzerte im Schauspielhaus. Mit dem Goebbels-Abend haben sie nun ein Meisterstück geschaffen. Natürlich nicht denkbar ohne das fabelhafte Kammerorchester und dessen handverlesene Gastmusiker. Die können sogar sprechen wie Schauspieler, ein bisschen singen noch dazu - Goebbels verwandelt das Orchester selbst in einen Opernapparat, der sich hier auf der Bühne der Kammerspiele breitmacht, wunderschön anzusehen und mit 128 verschiedenen Lichteinstellungen so effektvoll wie sinnstiftend beleuchtet.

Zu Beginn: 'In the country of last things', dazwischen einer von Goebbels Leitkomponisten, Hanns Eisler, die lichten Orchesterstücke von 1938/40. Der Bratscher Kelvin Hawthorne spricht hypnotisch, eine Stimme zwischen malenden Gesteinsbrocken. Dann: 'Befreiung', eine Szene für Orchester und eine Sprecherin. Die ist hier Inga Busch: Jedes Wort ist eine Explosion, extreme Körperspannung, ein physisches Erlebnis auch dank des suggestiven Lärms der Musik. Dagegen fast mild, aber herrlich mäandernd zwischen sehr Altem (Barock) und Brandneuem (Elektronik): 'Songs of wars I have seen', alle Musiker sprechen, alle reden über Krieg, aberwitzig, plastisch, echtes Theater.

Egbert Tholl
Süddeutsche Zeitung (DE), 26 May 2012