So knackt und kracht es im böhmischen Wald

Heiner Goebbels, Chef der Ruhr-Triennale, hat mit Stifters Dinge einzigartige Musik für die Bühne erfunden. Sie funktioniert auch als reines Hörtheater.

"In diesem Hörtheater kann man die klangliche Artifizialität und famose Konstruktion in aller Ruhe bewundern und auch die winzigsten Geräusche zischender Rohre, wackelnder Bleche und ratternder Rädchen vernehmen.

Die Dinge sind, was sie sind (darin folgt Goebbels Stifter) - und zugleich sind sie ein anderes. Sie sind ihrem alten Kontext entrissen. Was sie verändert, ist eine offene polyphone Vielstimmigkeit, eine Klangpoesie des Disparaten. Deshalb holt Goebbels auch das Ausgegrenzte, Verdrängte ins Bühnenlicht, er sucht nach Gegenläufigem. Er weiß: Die Welt ist nicht nach jenem "sanften Gesetz" der Versöhnung eingerichtet, welches Stifter der neuzeitlichen Zivilisation entgegensetzte. Also blendet Goebbels in ein Radio-Interview mit dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss, der von seinen frühen Exkursionen in die Pariser Industrie-Vorstädte berichtet, rieselnden Regen ein und das zarte Adagio aus Bachs Italienischem Konzert. Er konfrontiert uns mit Beschwörungsformeln der Papua aus Neuguinea und einem alten griechischen Lied der Insel Kalymnos. Er kombiniert einen aus weiter Ferne tönenden antiphonalen Gesang kolumbianischer Indianer mit dumpfem Klopfen der Klaviermaschinerie. Schließlich rattern, klirren, klimpern und sprühen die Klaviere eine furiose Toccata quer über alle Tastaturen und Saiten im Inneren, als gelte es, Sonderapplaus abzustauben."

"Es ist dies eine ganz besondere Kunst: Jenseits einer Dramaturgie, die sich nur um die Handlung oder Story kümmert, ein komplexes und musikalisch reiches Musiktheater zu entwickeln, das auch ohne die Performance der Bühne bestehen kann. Und es ist ein grandioses Abenteuer für jeden, der ein offenes Ohr hat."

Barbara Zuber
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE), 11 August 2012