Vom ewig wiederkehrenden Irrsinn des Krieges

Die Frankfurter Premiere von Heiner
Goebbels'' Landschaft mit entfernten
Verwandten zog im Bockenheimer Depot
als kraftvolle Bildrevue vorüber.

Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist
Heiner Goebbels'' 2002 uraufgeführtes und
nun in einer komprimierten "Frankfurter
Fassung" im Bockenheimer Depot zur Premiere
gebrachtes Musiktheaterstück nicht.
Dazu fehlt "Landschaft mit entfernten Verwandten"
eine lineare Handlung, aus der
das Werk seine Dramatik speisen könnte.
Und doch fasziniert Goebbels'' "Landschaft"
und hält in Atem, weil Musik, Tanz,
Sprache, Gesang und Visuelles sich wie in
einer Collage gegenseitig durchdringen.
Goebbels'' Komposition, die er selbst als einen
Rundgang durchs Museum bezeichnet,
zeigt keine feststehenden Tableaus. Vielmehr
ist alles in Bewegung, in stetem
Fluss. Es herrscht ein durchdachtes Kommen
und Gehen auf der Bühne.
Tanzende Derwische
Die nicht nur als Instrumentalisten, sondern
auch als Sprecher, Sänger und Schauspieler
vielseitig geforderten Musiker des
Ensemble Modern und ihr Dirigent Franck
Ollu präsentieren sich in ständig wechselnden
Kostümen (Florence von Gerkan): mal
als martialische Trommler-Phalanx, mal als
höfische Rokoko-Gesellschaft, mal in Orchesterformation
mit schwarzen Masken
auf dem Kopf wie Bankräuber verkleidet,
oder als Renaissance-Menschen oder gar
tanzende Derwische. Der Bilderfluss geht
munter durch alle Zeiten, Epochen und Kulturen,
bedient sich Projektionen auf Gaze-
Vorhänge (Lichtregie: Klaus Grünberg) - so
wie auch die Musik ständig fließt. Vor einer
Klangkulisse aus Einspielungen vom
Band (Geräusche und Chormusik unter der
Klangregie von Norbert Ommer) treten immer
wieder live gespielte Instrumente hervor,
integrieren sich die ausgewählten vielsprachigen
Texte von Gertrude Stein, Giordano
Bruno, T. S. Eliot und Leonardo da
Vinci, wobei sich der Schauspieler David
Bennent mit seinem gerade im Französischen
prägnanten Deklamationsstil munter
unter die Musikerschar mischt.
Mit kindlicher Lust
Gobbels'' Musik lebt vom Rhythmus, vom
Tänzerischen, hat exotische, auch folkloristische
Anklänge, die freilich immer wieder
verfremdet werden. Das macht das Ganze
beim Hören angenehm und reizvoll zugleich.
Die ausgewählten Texte sind gleichwohl
ernster Natur, befassen sich mit dem
Krieg, genauer mit dem ewig wiederkehrenden
Irrsinn des Krieges, wie beispielsweise
Gertrude Steins Erinnerungen "Wars I have
seen".
Aber es gibt auch wenige Momente, bei denen
die Darbietung ins Humorvolle kippt,
etwa wenn mittelalterliche Stadtmodelle
auf die Bühne gefahren werden und die Musiker
mit kindlicher Lust ein Bombardement
nachspielen. Oder die köstliche Parodie
auf einen amerikanischen Heimatabend
unter dem Titel "Out Where the West Begins",
bei dem die Ensemble-Modern-Mitglieder
als Cowboys in Hillbilly-Manier
vom wilden Westen singen.
Gerade bei dieser Nummer ist zu spüren,
mit welch großer Experimentier- und Darstellungslust
die Mitwirkenden, darunter
auch der Bariton Holger Frank, Goebbels''
spielerisches Konzept umsetzen. Seine
"Landschaft mit entfernten Verwandten" ist
wie der Blick durch ein Kaleidoskop, verwirrend
und faszinierend zugleich, getragen
von der hohen Professionalität des gesamten
Teams, das die Kräfte des Ensemble
Modern und der Oper Frankfurt bündelt.
Und wieder einmal hat sich das Bockenheimer
Depot als Spielort für solche ungewöhnlichen
Projekte bestens bewährt. Das
Premierenpublikum, darunter auch die kulturbegeisterte
ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin
Petra Roth, ließ nach eindreiviertel
Stunden seinem Enthusiasmus
freien Lauf.

Michael Dellith
Frankfurter Neue Presse (DE), 3 May 2013