Was heißt schon Oper?

Heiner Goebbels „Landschaft mit entfernten Verwandten“ in Frankfurt

Oper, so liest man bei Wikipedia, ist eine musikalische Gattung des Theaters, in der eine szenisch-dramatische Handlung durch Musik dargestellt wird. Für den Komponisten Heiner Goebbels ist Oper etwas anderes. Zwar heißt sein jetzt in Frankfurt aufgeführtes Stück „Landschaft mit entfernten Verwandten“ Oper, aber es gibt keine lineare dramatische Aktion, keine Geschichte, die erzählt wird, dafür eine ganz eigene Synthese von Musik, Dichtung und szenischer Darstellung, ohne eine Hierarchisierung der Künste.
Goebbels hat sich durch Landschaftsbilder inspirieren lassen, etwa von Gemälden Nicholas Poussins, die nicht zentralperspektivisch angeordnet sind. Und so wie die Bilder eine panoramatische Sicht eröffnen, der Betrachter selbst Prioritäten setzt, zeigt Goebbels in seiner Komposition in drei Akten ein Kaleidoskop ständig wechselnder Szenen. Er führt den zuschauenden Hörer auf einen musikalisch-literarischen Rundgang durch ein Museum, dessen musikalische Bilder neue Räume eröffnen, erstarren und durch ihren Rätselcharakter Aufmerksamkeit erregen.
Die Musiker des Ensemble Modern sind nicht nur Instrumentalisten, sondern auch Darsteller, Schauspieler, Statisten, Tänzer und Sänger. In ständig wechselnden Personenkonstellationen agieren sie als tanzende Derwische, Rokoko-Gesellschaft, Cowboys, Klangschalen Esoteriker und trommelnde Soldateska. Der Dirigent Frank Ollu ist nebenbei ebenfalls Akteur und Sprecher. Die Szenen sind unterlegt mit Texten von Gertrude Stein, Giordano Bruno, Leonardo da Vinci u.a., die eher Distanz zum Geschehen aufbauen als unterstützend wirken. Bühne und Licht von Klaus Grünberg versetzen ebenso in ferne Räume, in Unwirkliches wie die Kostüme von Florence von Gerkan.
Goebbels will diese Kontraste: musikalisch, sängerisch szenisch. Er will spielen, unentschieden bleiben, Schwebezustände erreichen, Uneindeutigkeit. Der Gesang des Baritons Holger Falk steht gegen das laienhafte Singen der Musiker, die Sprache des Schauspielers David Bennent gegen diejenige der Musiker, die erörternde Diskussion der bildkünstlerischen Darstellung von Kriegsszenen gegen die Schilderung banaler Urlaubseindrücke und Countrymusic gegen monotones Glockenschlagen. Goebbels’ Klang- und Stilpluralismus trägt in der neuen Frankfurter Fassung des 2002 uraufgeführten Stückes problemlos über 90 Minuten und ist postmodernes Theater im besten Sinne. Oder besser Nicht-Sinn?

Bernd Zegowitz
Rhein-Neckar-Zeitung (DE), 3 May 2013