Um im Kopf des Zuhörers zu explodieren

Heiner Müller und Heiner Goebbels: "Der Mann im Fahrstuhl" in der Roten Fabrik.

„Bei aller Freiheit für die einzelnen Musiker [...] strukturiert Goebbels mit ungeheurer Disziplin und perfekter Kontrolle aller eingesetzten künstlerischen und technischen Mittel den sperrigen Text. Weder der Text noch die Musik wollen Sprengsatz sein; sie sollen, als Zusammenprall der verschiedenen Wort- und Musikebenen, erst im Kopf des Zuhörers explodieren.
Im Gegensatz zu den gängigen Musik-&-Text-Konzepten setzen Müller/Goebbels nicht einfach Text und Musik in ein Verhältnis zueinander; sie beziehen beides gleichsam auf ein Drittes, das ihnen bestimmte, genau durchdachte ‚Funktionen‘ zuweist, auf die Mittel und die Dramaturgie des Theaters: ‚Der Mann im Fahrstuhl‘ ist – und hier hat die ausgeklügelte Lichtshow wieder ihre Wahrheit – zeitgenössisches Theater.
Vieles, auch in der Musik von Goebbels, funktioniert auf einer rein intellektuellen Ebene. Müller und Goebbels sind dem Zeitgeist ganz anders auf der Spur, als manchem lieb sein kann: Sie denken – und lassen denken, sie reflektieren unerbittlich und ohne falsche Hoffnungen, aber zugleich mit einem guten Mass an Witz, Ironie und Gelassenheit die Verhältnisse einer katastrophischen Welt. Das macht ihnen, zumindest in diesem Bereich des ‚narrativen Musik-Theaters‘, keiner so leicht nacht.“

Christian Rentsch
Tages-Anzeiger (CH), 29 September 1988