Die Sehnsucht nach der Riesenfaust

Frankfurter Kuenstler ueber ihr Verhaeltnis zu ihrer Stadt

"... Alles, was in dieser Stadt an Sagen
und Liedern entstanden ist,
ist erfüllt von der Sehnsucht
nach einem prophezeiten Tag,
an welchem die Stadt
von einer Riesenfaust
in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen
zerschmettert werden wird.
Deshalb hat auch die Stadt
die Faust im Wappen."
Franz Kafka

Vielleicht ist ein Spezifikum der Stadt Frankfurt, daß man als produzierender Künstler nie das absichernde Gefühl hat, von ihr getragen zu sein, sondern eher, gegen sie anzuarbeiten, gegen die antikulturellen Impulse, die von ihr ausgehen. Wer darauf nicht larmoyant reagiert, kann diesen Konflikt produktiv in Angriff nehmen: Reibung hat der Kunst noch nie geschadet.

Ich habe (als Komponist - für künstlerische "Institutionen" muß der Fall naturgemäß anders liegen) kein gewerkschaftliches Verhältnis zu "meiner" Stadt, und sie auch nicht zu mir. 15 Jahre lang arbeitete ich bis zum Ende der 80er Jahre in Frankfurt (und in mehr als 30 Ländern auch als Exportartikel für Frankfurt), ohne daß es zu einem Kontakt mit dem Kulturdezernenten gekommen wäre. In diesen Zeitraum fällt auch eine fast zehn Jahre währende Phase, in der meine Arbeiten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in Frankfurt nie subventioniert wurden, dafür aber immer von Frankfurt ausgingen. Sicher hat das mein Verhältnis zur Stadt als Impuls, nicht aber zur Stadt als "sicheren Rückzug" geprägt.

Dafür ist Frankfurt auch denkbar ungeeignet, Frankfurt ist keine schöne Stadt, wie zum Beispiel München (mit vielen museumsreifen Straßenzügen). Keine, die zu historischen oder kulturellen Retrospektiven großen Anlaß gibt (wie Berlin oder Wien), sondern eine, die die marginale Rolle der Kultur transparent macht, weil bei ihr das Primat eindeutig woanders liegt. Hier hat die Kulturindustrie auch etwas Aufgesetztes, das man sich manchmal leistet. Nur vor diesem Hintergrund sind auch die unglaublich inkompetenten Beiträge zu verstehen, mit denen sich alle möglichen Lokalpolitiker in der Debatte über Kürzungen im Kulturetat zu Wort melden. Unumstritten hervorragende Institutionen (wie Ballett, Schirn-Kunsthalle, Theater am Turm, Institut für Neue Medien u.a.), um die viele andere Städte Frankfurt beneiden, werden hier durch drastische Kürzung und/oder monatelange Schließungsdebatten riskiert. Was Berlin aber zum Beispiel als begleitende Maßnahme bei der Schließung des Schillertheaters versäumt hat, nämlich eine Perspektive für eine kreative und flexible Theaterstruktur zu setzen, könnte Frankfurt jetzt als Chance nutzen. Als erste deutsche Stadt könnte sie die enormen finanziellen Probleme in eine Offensive verwandeln - gegen die überkommenen, überteuerten Apparate für flexible, kreative Produktionsformen. Diese Chance scheint aber ungenutzt vorbeizugehen, weil solche Maßnahmen eine kulturelle Sensibilität, Kompetenz und Phantasie voraussetzen, wie sie in dieser Stadt nicht zu erwarten ist. Man kann sich als Künstler in der Musik-, Film- oder Theaterwelt von Berlin oder München einrichten, in Frankfurt wird das nicht richtig gelingen. Das Signal, daß es eigentlich Wichtigeres zu tun gäbe, ist nicht erst in ökonomisch angespannten Zeiten unüberhörbar und auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch gibt es in der Subkultur Frankfurts kaum so ausgeprägte Nischen, die von den Weltläuften unbelassen ihre Fahne unbeirrt hochhalten können, wie weiland der Underground in Kreuzberg, oder davor die Punks in Hamburg. Das alles produziert, außer für die Werbestrategen, kein besonders kreatives Klima. Was aber dann dennoch hier entsteht, ist von dieser Härte gezeichnet und zeichnet sich durch sie aus. Das Fehlen des Symbolischen in den Arbeiten von Forsythe und Schleef zum Beispiel mag darin eine ihrer Ursachen haben. Was sich damit in ihrer Kunst behauptet, ist die Sache selbst, das Bestehen auf der Realität eines Vorgangs, die Abwesenheit des Theatralischen, die hörbare Struktur bei Gielen. Kein Geschnörkel, kein Manierismus, und nicht die Darstellung einer anderen Wirklichkeit. Die Schönheit feiert sich hier nicht selbst.

Das geht auf der Bühne genauso wenig wie in der Architektur. Natürlich ist die Schirn architektonisch eine Katastrophe, deshalb zählt - eher als in einer anderen Stadt - was da hängt, oder wie es aufgehängt wurde. Das ist der unverdiente Standortvorteil einer kulturellen Misere oder lllusionslosigkeit: Das offene Messer Frankfurt schärft auch in der Kunst die Waffen. Die Schutzlosigkeit forciert einen zeitgenössischen Kunstbegriff und zwingt zu anderen Produktionsweisen. Natürlich dürfte ich das so nicht formulieren, müßte mehr Unterstützung für die Jazzmusiker fordern, für die Maler und die Dichter. Aber ich glaube, daß der autonome und individuelle Kunst- und Künstlerbegriff, der hinter dem klassisch verstandenen Subventions- und Mäzenatengedanken steht, längst überholt ist. Und in aller Regel sind gerade die Komponisten von den Zeitläuften eh' schon zu weit entfernt und müßten mit der Nase auf andere Produktionsweisen gestoßen werden. Wie sonst erklärt sich, daß die Innovationen in der Musik der letzten fünfzehn Jahren nicht mehr von der Villa Massimo aus oder von den Günstlingen des Pierre Boulez kamen, sondern immer nur aus dem Underground, ob Punk, ob Hip Hop, oder dem elektronisch-industriellen Bereich von Disco und Dancefloor; oder aus der Improvisationsszene New Yorks, die von einem kollektiven Konkurrenzkampf um die paar Auftrittsmöglichkeiten angestachelt wurde wie nirgends sonst. Der Markt muß nicht zwangsläufig affirmative Unterhaltungsware produzieren; eine Auseinandersetzung mit dem Markt kann auch eine an der Wirklichkeit sich messende Kunstproduktion schärfen. Wo gibt es in der E-Musik zum Beispiel solche Unternehmungen wie die Herausforderung Alexander Kluges, sich wöchentlich einmal dem Massenmedium Fernsehen zu stellen.

Die Subvention aber verschärft den Abstand zur Welt, verhindert die Reflexion der Verständigung und ihrer Veränderungen. Der Künstler muß aber nicht weiterhin vor der Realität geschützt werden. Ich habe nicht mehr das romantische Bild vom Komponisten des 19. Jahrhunderts, geprägt von Originalität- und Individualitätsprinzip: Der Komponist (und leider tun das tatsächlich noch allzuviele) sitzt am Schreibtisch, am Klavier und komponiert das, was er im Kopf hat, was aus ihm raus muß - meist gar für die Schublade; weil er weiß, was er will, darf er sich nicht dreinreden lassen; letztlich muß er sich sogar vor Einflüssen schützen; Fragen sind Schwäche. Auf diese Weise kann ich nicht arbeiten. Aus mir muß (zunächst mal) gar nichts raus, ich habe (zunächst mal) gar keine Phantasie, ich muß (zunächst mal) überhaupt nicht komponieren. und meine Ideen müssen auch nicht meine eigenen sein, sondern erwachsen oft aus der Reaktion auf und der Zusammenarbeit mit zum Beispiel Rolf Riehm, Christoph Anders, Michael Simon, Christoph Nel, Alfred Harth, Amanda Miller, dem Theater am Turm, dem Ensemble Modern, dem Ballett Frankfurts, Turbo B. und Snap, Alexander Kluge, den Megalomaniax, dem Männerchor Horbach oder der Jungen Deutschen Philharmonie.

Dafür ist Frankfurt die ideale Metropole. Und wenn das nicht reicht, hilft immer noch die Nähe zu einem Flughafen, von dem man direkt und ohne umzusteigen überall hinkommt.

Heiner Goebbels
Bauwelt (DE), 1994
Bauwelt 1/2 (Berlin 1994)