14 July 2926, Hans Jürgen Linke, Frankurter Rundschau
Review (de)

Heiner Goebbels: „Walden“ – Ein Daxophon in der Natur

Seeblick ohne Spätromantik: Heiner Goebbels’ Orchesterkomposition „Walden“ nach Henry David Thoreau.

Walden ist der Name eines kleinen Sees südlich der Stadt Concord, Massachusetts. Dort baute Henry David Thoreau im Jahre 1845 ein tiny house auf dem Grundstück eines Freundes und zog sich für fast zwei Jahre zurück in die – vergleichsweise stadtnahe – Natur. Er schrieb während dieser Zeit eine Serie von Texten, zugleich Essays und Tagebucheintragungen, über das einfache Leben, die Zivilisation und seine Gedanken dazu. Das so entstandene Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ ist eines der einflussreichsten Bücher der älteren US-amerikanischen Literatur geworden.

Die Orchesterkomposition „Walden“ entstand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und ist mit musikalischen Idiomen und Stilzitaten dieser Zeit prall gefüllt. Einige Zeit zuvor war Goebbels’ groß dimensioniertes Orchesterwerk „Surrogate Cities“ entstanden, das mit dem Themenkreis der Großstadt befasst ist. „Walden“ kommt als eine Art Antithese daher. Auch „Walden“ beschäftigt ein großes Orchester (dessen Kern das Ensemble Modern war), das erweitert ist um teilweise exotisches Instrumentarium wie elektrischen Gitarren, Daxophon, Steel Cello und Bow Chimes.

Die jetzt als CD erschienene Fassung von „Walden“ stammt aus dem Jahre 1998 und wurde in der Kölner Philharmonie und der Alten Oper Frankfurt aufgenommen. Die musikalische Leitung hatte der 2024 verstorbene Péter Eötvös.

Landschafts-Oper, in der Instrumente singen

Heiner Goebbels’ Komposition fühlt sich mit ihrer klanglich vielgesichtigen Gestaltung an wie der Soundtrack einer theatralen Revue aus kontrastierenden Klangbildern. Sie fallen nicht massiv aus, sondern sind eher transparent konstruiert, manchmal geradezu kammermusikalisch. Stets zeigen sie eine innere Bewegung und einen dramatischen emotionalen Verlauf.

Ihre Sequenz und ihre thematische Gliederung folgt Thoreaus Text. Die Musik will dabei nicht illustrieren, sondern akzentuieren, kommentieren, widersprechen, weiterführen. Da Thoreaus zentrales Thema nicht nur die Natur ist oder die Ablehnung der beginnenden kapitalistischen Moderne und ihrer staatlichen Organisationsweisen, sondern auch immer wieder er selbst, gibt es ausdrucksvoll modellierte, oft melodisch und schön anzuhörende Solo-Passagen. Aber auch heftige instrumentale Einwürfe und immer wieder überraschend exotische Klänge.

Schlaglichthafte Teile des Textes (im englischen Original) werden von Bob Rutman, der auch Erfinder und Spieler des Steel Cello ist, mit klarer, tiefer Stimme, mit klanglicher Sensibilität und rhythmischer Prägnanz gesprochen.

Trotzdem wird aus „Walden“ keine Erzählung, eher eine Sequenz von durchkomponierten Bildern und komplex gestalteten Rezitativen. Eine Landschafts-Oper mit Sprecher, deren Gesangs-Partien von Instrumentalisten solistisch gestaltet werden.

Frankfurter Rundschau, Feuilleton, 14.7.2026
on: Walden (Composition for Orchestra), Walden (CD)