"Keine Pina Bausch, kein Robert Wilson"

Heiner Goebbels über die Finanzkrise, echte Kreativität und seine Zukunft am Schauspiel Frankfurt

Er gilt als genialer Musiker, experimentierfreudiger Regisseur und einfühlsamer Dozent: Heiner Goebbels. Viel verbindet den gebürtigen Pfälzer mit Frankfurt. Hier tobte er sich nicht nur während der wilden 68er aus, gründete mit Spontifreunden das "So-genannte Linksradikale Blasorchester". Längst ist er eine feste Größe im Kulturleben der Stadt geworden, arbeitet nicht nur mit dem Schauspiel, dem Mousonturm, sondern auch mit namhaften Orchestern wie dem Ensemble Modern zusammen. Auch international ist der Künstler gefragt. Und erfüllt darüber hinaus auch noch seine akademischen Pflichten als Professor für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Im Gespräch mit Bettina Kneller erklärt der viel beschäftigte Musiker, wie er seine künstlerische Zukunft am Main sieht.

Ihr Werk "Eraritjaritjaka" entstand 2004. Jetzt wird es noch einmal in Frankfurt gezeigt. Inwiefern hat es den Menschen in der derzeitigen Finanzkrise etwas mitzuteilen?

"Ich habe keine Töne, die mir zur Beruhigung dienen", damit beginnt das Stück; und in den Texten Canettis geht es immer um das Verhältnis zwischen den politischen Zwängen der Gesellschaft und dem Glück des Einzelnen. Aber ich bin skeptisch, was die direkten Bezüge des Theaters zur Tagespolitik betrifft; die wird sich der Zuschauer selbst bauen, vielleicht wenn er hört: "Zur Macht gehört eine ungleiche Verteilung des Durchschauens. Der Mächtige durchschaut, aber er lässt sich nicht durchschauen. Am verschwiegensten muss er selber sein. Seine Gesinnung wie seine Absichten darf keiner kennen." Oder an anderer Stelle - aber das wird Ihnen nicht gefallen: "In der Zeitung steht alles. Man muss sie nur mit genug Hass lesen."

"I went to the house but did not enter" war ihr letztes Stück 2008 für das Schauspiel Frankfurt. Wollen Sie auch nach Elisabeth Schweeger mit dem neuen Intendanten Oliver Reese zusammenarbeiten? Oder gibt es andere Projekte?

Die Zusammenarbeit mit Elisabeth Schweeger und die Koproduktionen und Gastspiele mit Schauspielfrankfurt waren für mich eine große Chance, meine Arbeiten auch in der Region zeigen zu können. Und da das deutsche Theatersystem auf vielen Ebenen mit meinen Produktionen in der Regel nicht kompatibel ist, war das - neben den Berliner Festspielen - für viele meiner Stücke in den letzten Jahren fast die einzige deutsche Spielstätte. Deswegen hoffe ich, dass die Zusammenarbeit weiter geht. Aber ganz aktuell ist die Frage nicht für mich, denn ich plane meine nächste größere Musiktheaterarbeit erst für 2012.

Sie sind seit 2006 Präsident der Hessischen Theaterakademie, die auch eng unter anderem mit dem Frankfurter Mousonturm zusammen arbeitet. Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach solche Kooperationen in der heutigen Zeit?

Es ist ungeheuer wichtig, dass die Studierenden schon sehr früh die Möglichkeit haben, auch praktische Erfahrungen an den Theatern zu machen - und in der Hessischen Theaterakademie sind insgesamt zehn Stadt- und Staatstheater vernetzt, die dazu bereit sind. Zugleich ist es vielleicht auch für die Theater nicht ganz unwichtig, vom aktuellen Blickwinkel der jungen Künstler und ihrer kritischen Skepsis gegenüber konventionellen Erzählweisen etwas zu hören.

Auf der einen Seite Dozent an der Universität in Gießen, auf der anderen Seite Musiker, Komponist und Regisseur. Wie finden Sie bei Ihren zahlreichen Tätigkeiten die Zeit für echte Kreativität?

Da wir am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft die Lehre als Forschung betreiben, ist sie kein Hindernis für die eigene künstlerische Entwicklung - ganz im Gegenteil: die Arbeit mit den Studierenden ist sehr inspirierend. Und in aller Regel mache ich nur alle zwei Jahre ein größeres Stück, und das in den Semesterferien.

Sie haben noch die große Zeit des TAT in Frankfurt erlebt. Inwiefern hat sich die Kulturszene in Frankfurt seither verändert?

Das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt hat mit großem Einsatz und Erfolg die ästhetische Nachfolge des TAT angetreten und ist für die experimentelle Szene und den zeitgenössischen Tanz eine der ganz wichtigen Institutionen in Deutschland geworden; ihm fehlen aber für Vieles eine ausreichend große Bühne und die entsprechenden Mittel. Deshalb gibt es in Frankfurt - und weit darüber hinaus - seit mehr als zehn Jahren keine Möglichkeit mehr, die großen Arbeiten internationaler Künstler zu sehen: keine Pina Bausch, kein Alain Platel, kein Bob Wilson, kein Romeo Castellucchi, kein Robert Lepage... Die künstlerisch starken Erfahrungen sind oft singulär.
Das ist ein riesiger Verlust für das Publikum, denn die künstlerisch starken Erfahrungen - die das Leben verändern können oder zumindest das Hören und Sehen - die macht man nicht unbedingt im Abonnement, sondern die sind oft singulär.

Was wünschen Sie sich für Ihre künstlerische Zukunft?

Weniger Interviews! Nein, im Ernst: Weiterhin so viel Glück mit den Darstellern wie zum Beispiel mit dem Hilliard Ensemble und dem Team, mit dem ich in den letzten zehn Jahren am Theatre Vidy in Lausanne meine Stücke entwickeln konnte.

Main-Echo (DE), 3 April 2009