„Es müssen nicht Motorräder sein“

Heiner Goebbels über seine Vorstellungen von Opernregie und When the Mountain changed its clothing in Hannover

„Der muss!“, sagte Elisabeth Schweeger einst über Heiner Goebbels. Mit anderen Worten: Für die Intendantin der „KunstFestSpiele Herrenhausen“ ist ein ambitioniertes Festival ohne den weltweit renommierten Musiker, Komponisten, Regisseur, Intendanten und Professor für Angewandte Theaterwissenschaften kaum denkbar.

„Ich will einladen, nicht provozieren“: Heiner Goebbels präsentiert Ende Juni in Hannover sein Projekt „When the mountain changed its clothing“. ·
Unter Schweegers Stabführung war Heiner Goebbels, Jahrgang 1952, denn auch mit einer Ausnahme jedes Mal in Herrenhausen dabei – nun wird er am 21. und 22. Juni in der Orangerie „When the mountain changed its clothing“ zeigen, ein Musiktheater-Projekt mit 40 slowenischen Performerinnen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren. Goebbels ist eben viel unterwegs, fand aber während einer seltenen Arbeitspause Zeit für ein Interview.

Bei all Ihren unterschiedlichen Tätigkeiten – welcher Beruf steht denn auf Ihrer Visitenkarte?

Goebbels:Ich habe gar keine. Aber ich mache diese Berufe ja nicht alle gleichzeitig, sondern setze Schwerpunkte. Mal habe ich mehr komponiert, mal mehr Theater gemacht, dann wieder mehr unterrichtet.

Wie ist das Projekt mit dem „Vocal Theatre Carmina Slovenica“ aus Maribor zustande gekommen, das jetzt bei den „KunstFestSpielen Herrenhausen“ zu erleben sein wird?

Goebbels: Die künstlerische Leiterein des Chores hat mich angesprochen. Und bei meinen Besuchen war ich sehr beeindruckt von der Professionalität dieser Mädchen. Ob es um Gesang geht oder um Bewegung, sie meistern auch schwierigste Passagen mit großer Selbstverständlichkeit. Selbst komponiert habe ich für dieses Stück kaum, sondern es für die Gruppe gebaut und inszeniert.

Verraten Sie doch ein paar Einzelheiten.

Goebbels: Es wird traditionelle Musik aus Slowenien geben, aber auch Brahms, Schönberg und Pop. Die Texte sind unter anderem von Jean-Jacques Rousseau, Adalbert Stifter und Gertrude Stein. Wichtig war mir, Erwartungen an die vermeintliche Naivität der Mädchen zu brechen und den Blick, den das Publikum auf sie richtet, zurückzuwerfen.

Was aber wohl kaum in Mitmachtheater münden wird?

Goebbels: Das gibt es bei mir nie. Ich will nicht provozieren, sondern dazu einladen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen.

Da Sie Stifter erwähnen, den Sie ja auch mit der Klang-Installations-Performance „Stifters Dinge“, in Herrenhausen vor drei Jahren zu erleben, gewürdigt haben – was fasziniert Sie so an diesem Dichter aus dem 19. Jahrhundert?

Goebbels: Seine Modernität. Er hat bei seinen ausführlichen Naturschilderungen quasi in Echtzeit geschrieben. Ein Musterbeispiel für Entschleunigung.

Inhaltlich geht es bei dem Maribor-Projekt viel um Veränderung. Das betrifft, wenn man das Alter der Mitwirkenden bedenkt, das Erwachsenwerden, aber auch die rasante gesellschaftliche Entwicklung in Osteuropa spielt eine Rolle. Stehen für Sie Themen wie der Verlust von Traditionen und Turbokapitalismus im Vordergrund?

Goebbels: Das ist eine komplexe Entwicklung, über die es keine einfachen Urteile und vor allem kein Zurück mehr gibt; auch weil sich jetzt völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Die Gruppe ist inzwischen in Japan, Singapur, Südamerika aufgetreten – das wäre früher wohl undenkbar gewesen.

Bei der diesjährigen Ruhrtriennale, deren aktueller Intendant Sie sind, zeigen Sie Ihren neuesten Streich „A Ritual of Dream & Delusion“, ein Musiktheater nach Harry Partch. Was hat es damit auf sich?

Goebbels: Partch war ein Zeitgenosse von John Cage und hat seine eigene Musik entwickelt, mit selbst gebauten Instrumenten und einem Tonsystem, bei der die Oktave aus 43 Tönen besteht. Ich besaß schon in den achtziger Jahren eine Schallplatte von ihm und hatte immer die Idee, selbst etwas von dieser Musik umzusetzen. Nicht ganz einfach, weil die Originalinstrumente alle in den USA sind – wir mussten sie uns extra nachbauen lassen.

Ihren Projekten haftet stets so etwas wie der Geruch des Extravaganten an. Mögen Sie auch ganz normale Konzerte?

Goebbels: Bei einer Beethoven-Symphonie hat grünes Lightdesign nichts zu suchen, und bei einer Mozart-Oper müssen nicht um jeden Preis Motorräder über die Bühne fahren. Da bin ich eher konservativ. Andererseits haben Stadttheater und Opernhäuser die Tendenz, eine Schwerkraft zu entwickeln, und dabei hat die Erfindung einer neuen Ästhetik nicht unbedingt die besten Chancen. Deswegen sind auch internationale Festivals wie das in Hannover so wichtig, damit der Austausch unterschiedlichster Ansätze im Fluss bleibt.

Und erklingen zu Hause auf Ihrem CD-Player nur die schrägsten Exotika?

Goebbels:Das kann auch mal Justin Timberlake sein.

Sie haben neben dem Musik- auch ein Soziologiestudium abgeschlossen. Kommt Ihnen das heute noch zugute?

Goebbels: Auf jeden Fall. Es geht nicht nur darum, die Kunst zu untersuchen, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie entsteht.

Ihre Karriere begann in den siebziger Jahren beim „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ – ein Name, der zugleich eine politische Tendenz und die Distanzierung davon nahe legt. Oder ist diese Interpretation verfehlt?

Goebbels: Ich war damals Teil der Frankfurter Sponti-Szene um Joschka Fischer und Konsorten. Aber ich habe bei den Demos lieber zum Instrument gegriffen, wenn es zur Sache ging.

Wie fühlt es sich heutzutage an, als Professor zu lehren? Und dabei ja auch sicherlich eine Menge Bürokratie bewältigen zu müssen?

Goebbels: An einer relativ kleinen Universität wie in Gießen gibt es die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen, zum Beispiel auch einen neuen Studiengang zu gründen. Dafür nimmt man eben auch die Antragslyrik in Kauf.

Was sind überhaupt Ihre Lernziele bei der „Angewandten Theaterwissenschaft“?

Goebbels: Wir sagen nicht, „wie es geht“, sondern arbeiten darauf hin, dass die Studierenden ihre eigene Ästhetik, ihre eigenen Wege finden. Deswegen gibt es bei uns auch keine Trennung nach Jahrgängen – die lernen von einander mindestens ebensoviel wie von uns.

Bleibt bei Ihren vielen Aktivitäten Zeit für so etwas wie Hobbies?

Goebbels: Doch, mal für einen Spaziergang, Fahrradfahren, ein gutes Restaurant. Oder um ein Präludium und eine Fuge von Bach auf dem Klavier zu spielen – das zählt für mich als Hobby.

Und sind Sie ein Ein-Mann-Unternehmen?

Goebbels: Ich habe Familie. Meine Frau ist Professorin für Erziehungswissenschaften, unser Sohn Anwalt in New York, unsere Tochter Ärztin in Berlin.

Ein Anwalt und eine Ärztin in der Familie – klingt praktisch.

Goebbels: Stimmt. Aber bislang habe ich beide glücklicherweise dafür nicht in Anspruch nehmen müssen.

Jörg Worat
www.kreiszeitung.de (DE), 6 June 2013