Im Schatten junger Mädchenblüte

Passend zur Eröffnung der Ruhrtriennale feierte Goebbels seinen sechzigsten Geburtstag. Und mitten im Festival erhielt er in Oslo den Internationalen Henrik-Ibsen-Theaterpreis, mit umgerechnet rund dreihundertdreißigtausend Euro der höchstdotierte Theaterpreis der Welt, weil Goebbels – so die Begründung der Jury – „ein wahrhafter Erneuerer“ sei, der die Kunstwahrnehmung des Publikums verändert und bei zahlreichen Künstlern entscheidende Wirkung hinterlassen habe. Zum Abschluss des Festivals bot der bestens vernetzte Theatermacher noch eine zweite Regiearbeit, bei der er sich zugleich als Komponist in einer Produktion vorstellte, die noch dieses Jahr nach Graz, Maribor (Slowenien) und Paris wandert sowie 2013 erneut in Hannover, Brüssel, Luxemburg und beim Holland Festival zu erleben sein wird.

Wie in früheren Musiktheaterarbeiten beschränkte sich Goebbels in „When the mountain changed its clothing“ weitgehend darauf, verschiedene Akteure zusammen zu bringen, um diese ohne übergestülptes Gesamtkonzept ihre jeweils eigenen Qualitäten entfalten zu lassen. In den Mittelpunkt stellte er diesmal den Mädchenchor „Carmina Slovenica“, der selbst szenisch arbeitet und zwischen Tokio und San Francisco weltweit gastiert. Zu Beginn tasten sich die vierzig Mädchen mit geschlossenen Augen über die Bühne, stoßen an herumliegende Stühle, erstarren, schreiten weiter, und machen trotz der Hindernisse alle gemeinsam im Pulk und jede für sich ihren Weg. Dieses Anfangsbild führt direkt in das Thema des Stücks: das Überschreiten der Schwelle vom Mädchen- zum Frauen­alter. Vom zweiten Themenstrang, den Umwälzungen im ehemaligen Jugoslawien, die der Komponist im Programmheft anspricht, war dagegen nichts zu merken.

Die Mädchen beziehungsweise jungen Frauen im Alter zwischen elf und zwanzig Jahren agierten als fabelhaft aufeinander eingespieltes Team. Mit sparsamen Requisiten, Aktionen und Bühnensitua­tionen – für deren Aufbau sie selbst sorgten – lieferte ihnen Goebbels vor allem einen Rahmen, damit sie machen können, was sie auch sonst tun: ausgezeichnet singen. Dabei zeigten die jungen Sängerinnen eine phantastisch breite Stimmgebung zwischen flachem Ton, flirrendem Obertongesang und einem kehlig lautstarken Singen, dessen leichte Rauheit zugleich eine Strahlkraft entfaltete, die den kleineren Quersaal der Jahrhunderthalle Bochum spielend füllte. Auf dem Programm standen schlichte Kanons und Volkslieder, virtuose Klatsch- und Sprechspiele, mittelalterliche Antiphonen, ein Chorsatz von Brahms.

Dazwischen wurde wahlweise in Formation oder wild durcheinander über die Bühne gelaufen, mit Stühlen gearbeitet, brav an Tischen gesessen und mit Texten von Rousseau, Stifter und Gertrude Stein über Alter, Tod, Tiere, Wetter, Lügen, Arm und Reich dialogisiert. Die Kulissen und Kostüme von Goebbels’ altbewährtem Regieteam sorgten für künstliche Infantilisierung: Die jungen Frauen wurden in süße Kleidchen gesteckt, auf grüne Wiesen gestellt und zu naivem Ringel- und Ballspiel genötigt. Zum symbolischen Abschied von der Kindheit hatten sie Kuscheltiere im Wald auszusetzen. Das zeigte mehr Kindheit um 1900 denn die reale Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und fast erwachsenen Frauen.

Goebbels kompositorische Beigaben wirkten entbehrlich. Neben ein paar schwebenden Akkorden mischte er dürftige elektronische Zuspielungen, die blubbernd und knisternd mit den Singstimmen kontrastierten. Zugleich zeugte seine bescheidene Selbstzurücknahme von großem Respekt für die jungen Sängerinnen. Der Chor wurde nicht funktionalisiert, sondern durfte bleiben was er ist: begeisternd!

Rainer Nonnenmann
Musik Texte (DE), 1 November 2012
MusikTexte 135 – November 2012, 87–88