Duett mit pfeifendem Teekessel

Musik, die aus dem Kollektiv entsteht und in Dialog zur Umwelt tritt: zwei Konzerte und eine Begegnung mit dem deutschen Komponisten Heiner Goebbels.
Er gilt als Mittler von E-Musik, Jazz und Rock, als Strassenkämpfer und politischer Komponist, der zu seinen Vorbildern Hanns Eisler zählt und der immer wieder die Texte von Heiner Müller vertont hat. Mit diesem Bild von Heiner Goebbels im Hinterkopf erlebt man dann auf der Bühne zum Beispiel dies: Ein Musiker trägt einen Gaskocher rein, stellt einen Teekessel drauf und bringt Wasser zum Sieden. Er erledigt dies und das, im Hintergrund ist sonst einiges los. Und wenn der Teekessel nach einiger Zeit pfeift, nimmt er seine Piccoloflöte hervor und pfeift zu diesem "Orgelton" seinerseits Tonarabesken. Das sind die Elemente, die einen zum Staunen bringen und ein Musiktheater wie "Schwarz auf Weiss" zum Hör- und Seherlebnis machen. Die Musik und das Theater: Sie werden bei Heiner Goebbels aus den Gegenständen entwickelt.
Geschlecktheit vermeiden
Sensibilisiert durch das Motto: "Ich", das sich das Lucerne Festival heuer übers Programm geschrieben hat, fragt man sich gleich, wie einer auf solche Ideen kommen mag. Das ist keine Kunst, die zu Hause im Elfenbeinturm ausgedacht wurde. Sie entsteht spürbar im Kontakt mit den Musikern des auch an diesem Abend wieder hervorragenden Ensemble Modern. Die Partituren, so sagt der 51 Jahre alte Komponist, seien zwar am Schluss exakt notiert, aber wenn er fast ein Jahr vor der Aufführung zur ersten Probe komme, habe er noch nichts geschrieben. Im Kontakt mit den Musikern entstehen Bilder und Ideen. So geschah es bei "Schwarz auf Weiss", das bewusst auf einen Protagonisten verzichtet, oder auch bei der Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten", die vergangenen Oktober in Genf uraufgeführt wurde. "Nach dieser ersten Erfahrung ziehe ich mich zurück und versuche, etwas zu schreiben, das all diese Stimmen vorkommen lässt. Denn bei einem Ensemble wie diesem sind viel mehr Stimmen zu hören, als ich mir als Einzelner ausdenken kann."
So vielstimmig komponierend, arbeite er eigentlich am Verschwinden des Komponisten-Ichs. "Ich tue genau das Gegenteil. Ich versuche, nicht ständig Ich zu sagen. Deshalb liebe ich dieses Zitat von Walter Benjamin, der über Franz Kafka sagt: Kafka habe erst da angefangen, grosse Literatur zu schreiben, als er in der Lage war aufzuhören, Ich zu sagen." Spannend werde es doch erst, wenn sich etwas �berindividuelles formulieren lasse. "Starke Künstler machen das aus einer Obsession heraus, andere eher aus der gesellschaftlichen Beobachtung. Und zu denen würde ich mich eher rechnen: Das Ich als ein Kollektives; Kunst als Ausdruck nicht einer persönlichen Obsession, sondern als kollektive Erfahrung und als gesellschaftlicher Schatz."
Das ist in "Schwarz auf Weiss" exemplarisch erlebbar. Auf spielerische Weise entstehen die Bilder: Ob nun die Musiker Tennisbälle auf eine grosse Trommel werfen oder ob sie einzelne Töne skandierend über Bänke schreiten. Dieses Ensemble-Kollektiv geht dabei freudig einen Schritt über sein hohes Spezialistentum hinaus. Jeder Musiker greift sich immer wieder Instrumente, die er nicht oder nur ansatzweise beherrscht - was der Musik wiederum etwas Ursprüngliches, Rohes gibt. Jede Geschlecktheit wird vermieden. Und schliesslich bleibt es auch nicht beim blossen Spiel. Hinter dem Stück stehen Texte von Edgar Allan Poe, T. S. Eliot und Maurice Blanchot, die von Abwesenheit, Tod und Ich-Verlust handeln. Und selbst wenn die literarischen Zusammenhänge nur stellenweise erahnbar sind, so erhält dieses Musiktheater etwas Zwingendes: So und nicht anders muss es sein. Gefordert ist absolute Präzision, weil sonst die Prägnanz des Rhythmus verloren geht.
Viele Stücke von Heiner Goebbels entstehen aus der Beschäftigung mit Texten oder Bildern. "Es gibt wenige Stücke, die keine aussermusikalische Idee haben, und selbst bei diesen würde ich vielleicht sagen: Es ist Musik über Musik." Was in der Viel- oder Verschiedenstimmigkeit des musikalischen Materials zu hören ist. Auch das ist ein Kollektiv. Es drückt sich in der Arbeit mit dem Sampler aus: Das Eigene steckt in der Verfahrensweise: "Wie montiere ich die Materialien, die nicht originär von mir sein müssen? An den Schnittstellen können Sie mich ausmachen. Da entscheidet sich, ob eine Konfrontation funktioniert. Nicht wichtig ist ja, ob ich mit Hip Hop, griechischen oder dokumentarischen Elementen arbeite, sondern wie ich das tue."
Pauken mit Tüchern schlagen
In Stücken wie "La Jalousie" oder "Heracles 2", die am Freitag ebenfalls mit dem Ensemble Modern in Luzern zu hören waren, ist das konsequent dargestellt. Die Montage des heterogenen Materials erscheine schlüssig, wenn sie nach musikalischen Kriterien funktioniere: "Wenn in einem Geräusch Obertonreihen aufscheinen, die anschliessend in der elektronisch verzerrten Geige ihr Echo finden, oder wenn in einem vorbeifahrenden Auto eine Tonhöhe angespielt wird, die im Cello weitergeht".
So entwickelt er in der Musik sinnfällige, sinnliche Bilder, etwa wenn in "Industry and Idleness " (was sich als "Fleiss und Faulheit" übersetzen liesse), die Pauken über längere Zeit beharrlich mit laschen zusammengefalteten Tüchern geschlagen werden. Das ist weitaus mehr als ein simpler Effekt. Wen wunderts, dass Goebbels rhythmisch, harmonisch, klangfarblich ständig mit der Umwelt kommuniziert, auch ausserhalb seiner Musik, zum Beispiel "wenn ich eine Treppe runtergehe, oder wenn ein Specht gegen einen Baum klopft". Das Ich ist hier ein Medium, freilich nicht eines der mystischen Art, sondern eines, das auf dem Boden bleibt.

Thomas Meyer
Tages-Anzeiger (CH), 25 August 2003