Schritte auf Stöckelschuhen

Heiner Goebbels mit dem Ensemble Modern im Hebbel-Theater

Es fängt alles ganz harmlos an... Die Musik von Heiner Goebbels beginnt häufig mit einfachen Bauteilen, mit einem Rockrhythmus oder einer balladesken Melodie. Hörer aus der Jazz- und Rockszene, aber nicht nur solche, erhalten so einen Einstieg. Hat sich der Zug dann aber in Bewegung gesetzt, werden neue Gleise angefahren, hart über die Weichen springend, sprunghaft auch im Wechsel der Tempi. Die Bruchstellen bleiben sichtbar.
Schon das "Sogenannte linksradikale Blasorchester", bei dem der Frankfurter Komponist bis 1981 mitwirkte, saß zwischen den Stühlen, zwischen den Stilen und Genres. Mit einer Musik für die Ballett-Compagnie William Forsythes begann 1988 die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern. Auch in der konzertanten Fassung "Red Run", von einem tickenden Schlagzeugsolo eingeleitet, sind die Musiker Protagonisten auf der Bühne. Scheinwerferkegel markieren ihre wechselnden, vom Rockgestus ausgehenden Soli. Songs, Lieder ohne Worte.
Meist aber geht Heiner Goebbels von Texten aus, bevorzugt von Theaterstücken Heiner Müllers. "Herakles 2" für fünf Blechbläser, Schlagzeug und Sampler ist eine Verwandlungsszene, die Verwandlung eines Kämpfers in seinen Gegner. Der blockhafte Bläsersatz einer Jazzballade löst sich unter dem Einfluß eines verzwickten Schlagzeugrhythmus auf, bis nur schnarrende Repetitionen übrig bleiben. Ein auskomponierter Untergang, hochprofessionell musiziert wie alle Stücke dieses Abends, trotz einiger Vermittlungsstufen aber überraschend linear im Ablauf.
Jemand blättert hörbar in einem Buch. Es ist der Roman "La jalousie" von Alain Robbe-Grillet, die detailliert beschriebene Geschichte einer Eifersucht. Goebbels lieferte dazu das akustische Substrat: eine wogende Melodie vor zirpender Nachtstimmung, Vierteltonschwankungen eines E-Pianos, das Aufheulen eines anfahrenden Autos, regelmäßige Schritte auf Stöckelschuhen, von Bläserakkorden irregulär gegliedert - suggestive Einzelteile, deren vielschichtiger Zusammenhang der Phantasie des Hörers überlassen bleibt. Es gilt, den Alltag zu entschlüsseln.
Obwohl Heiner Goebbels ein breites Publikum erreicht (das vollbesetzte Hebbel-Theater bewies es), liefert er keine einfachen Lösungen. Auch das Sichere ist nicht sicher. Das Gedenken an die Französische Revolution beging er 1989 im Auftrag der Alten Oper Frankfurt mit einer grellen Polemik gegen den bürgerlichen Freiheitsbegriff. Frank Zappa, mit dem das Ensemble Modern noch bis zuletzt zusammenarbeitete, hätte ihm da lebhaft zugestimmt. Mit Zappas Klavierduo "Ruth is sleeping" hatte das Ensemble zu Beginn an den rebellischen Amerikaner erinnert. Einen ähnlichen Zwischenweg geht es mit Goebbels weiter. Mit ähnlicher Risikobereitschaft.

Albrecht Dümling
Der Tagesspiegel (DE), 21 December 1993