Geräusche aus einem Roman

Werke von Heiner Goebbels bei den Maifestspielen

Nicht das Warum, sondern das Wie ist es, das Alain Robbe-Grillet an der Eifersucht interessiert. In seinem Roman "La Jalousie" verstrickt er das tausendfach bespielte Motiv allerdings nicht in eine dramatische Handlung. Vielmehr macht er sich schlicht beschreibend auf die Suche nach Konstellationen von Objekten, nach Bildern und Geräuschen, in denen Wahrnehmung von Eifersucht verschlossen sein kann. Die besondere Gewichtung akustischer Phänomene in "La Jalousie" inspirierte Heiner Goebbels zu seiner gleichnamigen Komposition mit dem Untertitel "Geräusche aus einem Roman". Tatsächlich quakt und klappert, fiept und scheppert es. Neben instrumental erzeugten, teilweise tonmalerisch geformten Krach setzt Goebbels Motorengeräusche und Schritte, die dem Stäck Soundtrack-Charakter geben. Blau beleuchtet ist der Bähnenraum des Kleinen Hauses im Staatstheater Wiesbaden, wo das Ensemble Modern unter Leitung von Peter Rundel im Rahmen der Maifestspiele Kompositionen von Heiner Goebbels spielte. Das gleichmääig kalte Licht bändelt die Konzentration ganz aufs Akustische. Es schafft Assoziationsfelder, eine surreale Stimmung, in die Goebbels' Sympathieerklärung an Robbe-Grillet gebettet ist. Nur kurz, wenn ein paar Textausschnitte verlesen werden, bricht ein gelber Scheinwerfer ins kalt neutrale Blau. Es ruft zuräck zur Romanvorlage, ohne daä diese Reminiszenzen eigentlich vertont wärden. Sie sind Fragmente, die wie die Geräusche und Täne, wie das Motorenbrausen und die E-Gitarren-Phrase als akustisches Material fungieren. In "Herakles 2" nach dem gleichnamigen Text von Heiner Mäller hat Goebbels die Worte vällig eliminiert. Die Musik trägt hier das Wissen um den Text in sich, ohne diesen selbst zu intonieren. Sprachhaftes klingt im insistierenden Signal- und Antwortspiel gegen Schluä an, und das äbersichtliche Grundmuster der Komposition, ihr sanft bassiges Fundament, in das jazzige Floskeln einbrechen, mutet manchmal wie eine Metasprache an. Auf andere Art hatte Goebbels den Mäller-Text "Mann im Fahrstuhl", der vor zwei Jahren in Frankfurt zu hären war, verarbeitet. Er lieä ihn neben einem musikalischen Komplex, der äber weite Strecken die äuäerste dynamische Grenze erreicht, verlesen. Insofern ähnelt dieses Stäck der konzertanten Szene "Befreiung" nach Rainald Goetz, wobei hier die Rhythmik des Textes (eindräcklich gelesen von Christoph Anders) enger mit der Faktur der Musik verwoben scheint. Ohne Textfundament, aber integrativ mit Tanz verbunden ist "Red Run", Goeb-bels' Musik fär ein Stäck der Tänzerin und Choreographin Amanda Miller. Gleichsam exemplarisch zieht Goebbels hier alle Register seines Komponierens. Geräusche, die per Synthesizer, aber auch mittels einer gestrichenen Pappkiste entstehen, U-Musik-Floskeln und pseudo-schmalzige E-Musik-Phrasen verschmel-zen zu einem farbigen Ganzen, das im äbrigen den Beginn von Heiner Goebbels' Zusammenarbeit mit dem Ensemble Mo-dern markiert. Weitere Stäcke wie "La Ja-lousie" entstanden direkt fär das Ensemble, andere wie "Herakles 2" hat es mitt-lerweile im festen Bestand und ist daher Garant nicht nur fär exemplarische, son-dern auch fär authentische Interpretationen dieser Musik.

Hanno Ehrler
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE), 5 June 1993