Reale Musik

Goebbels in der Alten Oper

Die Biographie Heiner Goebbels ist gekennzeichnet von einem ständigen Wechsel der Perspektive. Die politischen Implikationen des sogenannten Linksradikalen Blasorchesters bildeten in den späten siebziger Jahren den Anfang eines umfangreichen musikalischen Schaffens, das sich später des Theaters, des Hörspiels, der Philharmonie und schließlich der Oper bemächtigte. Goebbels tritt in dieser Biographie in unterschiedlichsten Funktionen auf, als musizierender Demonstrant, als experimenteller Rockmusiker, als Theatermusiker, als Komponist und Regisseur. Bald auch dient er als Aushängeschild der Hochkultur: Im nächsten Jahr wollen die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle ein Auftragswerk von Heiner Goebbels uraufführen. Gerne wird solcher Wandel neuerdings mit der Biographie Joschka Fischers verglichen, so viele Frankfurter haben es ja nicht nach Berlin geschafft. Und so muss sich auch Goebbels der Gretchenfrage aussetzen: Bereuen Sie etwas?
Wolfgang Sandner stellt die Frage bei der Präsentation des von ihm herausgegebenen und Heiner Goebbels gewidmeten Sammelbandes Komposition als Inszenierung. Goebbels verneint sie vehement und verweist auf ästhetische Strukturen seiner frühen Stücke, die heute noch gültig seien. Wichtiger noch ist der Hinweis auf das, was Goebbels die "Haltung des Musikmachens" nennt. Seine Werke wollen nicht in den Elfenbeinturm, nicht einmal die Nische der Neuen Musik ist ihr Adressat. Sie bewegt sich in und mit der Zeit, sie ist durchdrungen von der jeweiligen Gegenwart, sie demonstriert, so Goebbels, "meine Transparenz gegenüber der Zeit".
Diese Haltung bleibt vom Wandel der musikalischen Sprache weitgehend unberührt. Eine geradezu radikale Offenheit prägt Goebbels Stücke, sie saugen außermusikalische Einflüsse auf, reiben sich an ihnen und reagieren musikalisch darauf. "Reale Musik" nennt das Stefan Fricke im Programmheft zum Geburtstagskonzert des Ensemble Modern in der Alten Oper.
Das Ensemble Modern ist seit 1986 der vielleicht wichtigste musikalische Partner Heiner Goebbels' und damit zugleich Teil der Werke selbst, die Kompositionen entstehen immer in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Interpreten. Auch in diesem Punkt ist Goebbels' Musik das Gegenteil von hermetisch. Mit Berlin Qdamm 12.4.81 hatte das Ensemble Modern zugleich ein Zeugnis des frühen Goebbels im Programm, eine von Ali N. Askin ganz frisch für Ensemble gefasste, ursprünglich für Tonband konzipierte Komposition, die das Zitat eines mit der Pistole auf steinewerfende Demonstranten zielenden Zivilpolizisten umkreist und bearbeitet: "Ich schieß, ich mach keinen Spaß!" Schon 1981 erliegt Goebbels nicht der naheliegenden Geste des Protests, eindeutig waren seine Stücke nie. Wenn das Zitat des Polizisten das erste Mal auftaucht, verstummen E-Gitarre und Schlagwerk, und das Stück wird getragen von einer geradezu fragil-melancholischen Streicherfigur. Massen kann man so nicht mobilisieren.
Später gewinnen seine Stücke an Tiefe Komplexere Strukturen ersetzen die frühe Rockattitüde, der Klang wird offener, der Rhythmus freier, vertrackter. Was bleibt, ist einerseits die Körperlichkeit wie in Herakles 2 und vor allem den ersten beiden der Drei Horatier-Songs aus Surrogate Cities, andererseits die Liebe zu heterogenem Material, das Goebbels virtuos montiert schichtet. In die Samplersuite aus Surrogate Cities, in eine von innerer Unruhe getragene, von nervösen Rhythmen und harten Schnitten gekennzeichnete urbane Klanglandschaft blendet Goebbels plötzlich den sanften Fluss einer Scarlatti-Sonate ein - gleichsam als das musikalisch Andere. Damit öffnet er Räume, klanglich wie bildlich. Und insofern ist Komposition bei Heiner Goebbels immer auch Inszenierung.

Tim Gorbauch
Frankfurter Rundschau (DE), 10 September 2002