Musikalische Schaltkreise.

Wenn Heiner Goebbels Musik „ins Bild setzt“.

An Überraschungen ist man bei Heiner Goebbels ja gewöhnt. Nach »Max Black«, »Hashirigaki«, »Landschaft mit entfernten Verwandten« und »Eraritjaritjaka« ist sein neues, im Lausanner Théâtre de Vidy uraufgeführtes Stück mit dem Titel „Stifters Dinge“ ein weiteres Beispiel für eine kreative Durchlässigkeit, die man kaum für möglich hielte, wäre man nicht mit eigenen Augen und Ohren dabei gewesen. Was sich hier an Transformationen und Metamorphosen ereignet, überbietet bei weitem die inzwischen auch im Theater ja nicht mehr ganz unübliche Suche nach Crossover-Bezügen, nach Verbindungen zur Kunst, zum Film, zum Video und zur Musik.
Heiner Goebbels selbst nennt seine Inszenierung eine „performative Installation“, die – in expliziter Anknüpfung an Stifters impressionistischen Kult des bedeutsamen Gegenstandes – sich der „Herausforderung des Fremden“ , der „Begegnung mit übermächtigen Kräften“ stelle. „Bewusste Entschleunigung“, „ritualisierte Wiederholung“ seien die Grundelemente dieser Ästhetik. Es wäre jedoch völlig verfehlt, hinter solchen Beschreibungen eine in der neueren Stifter-Rezeption ja relativ verbreitete antimodernistische Attitüde zu vermuten. Im Gegenteil: Die visuell und klanglich inszenierte Natur in „Stifters Dinge“ ist eine dezidiert abstrakte. Was sich ansatzweise sakral gebärdet, wird alsbald transformiert und als technisch-künstlerisches Konstrukt wahrnehmbar.
Denn was Heiner Goebbels hier in minuziöser Kleinarbeit gemeinsam mit dem Bühnenbildner und Lichtdesigner Klaus Gruenberg und dem Sounddesigner Willi Bopp entwickelt, folgt in gewissem Sinne der Dramaturgie einer klassischen Zaubervorführung: Erst nachdem der Magier sein gesamtes Repertoire an Tricks und Kunststücken gezeigt hat, ein wahres Feuerwerk an überraschenden und faszinierenden Effekten gezündet hat, lüftet er ein wenig den Vorhang und zeigt seinem Publikum die Mechanik, offenbart seine Wunderwelt als von Menschenhand gefertigte und aus Menschenhirn geschlüpfte Kunst. Und – das ist dann der Knalleffekt der Inszenierung – man erkennt: alles beruht auf einer unglaublichen Präzision, dem genauen Kalkül der Lichtverhältnisse, dem Kalibrieren und Austarieren unzähliger Vorrichtungen und Geräte.
Denn auf dieser Bühne gibt es weder Musiker noch Schauspieler. Man ist konfrontiert mit einem Kaleidoskop an akustischen und visuellen Eindrücken, mit Tönen, Stimmen, rhythmisch musikalischen Elementen. Man sieht Rauminstallationen, deren puristische Linien zunächst an japanische Avantgardefilme der 60er Jahre erinnern, wenn aus Salz und weißen Tüchern, aus spiegelnden Wasseroberflächen und leisen Windstößen eine Schönheit der Ruhe heraufbeschworen wird. Später dann fühlt man sich versetzt in eine apokalyptische Traumlandschaft aus verschattetem Licht und Science Fiction artig anmutenden Industrieruinen, welche sich sodann wieder in einen nächtlichen Wald oder in ein riesiges Aquarium verwandeln – stets begleitet von akustischen Reizen, die sich immer mehr zu Musik verdichten. Zitate aus der bildenden Kunst, Film und Literatur geben dem Ganzen seine kunsthistorische und philosophische Dimension.
Und wenn am Ende die riesige Licht- und Klang-Maschinerie aus dem Hintergrund auf den Zuschauerraum zufährt, und man – unter Normalbeleuchtung – allmählich erkennt, dass die nun sichtbaren Bewegungen der zusammengefügten Gerätschaften keineswegs einer sinnfrei spielerischen Tinguely-Ästhetik gehorchen, sondern einer Logik der genau berechneten Vieldeutigkeit, taucht man auf aus den geträumten Bilderfluten und bestaunt die Wunder von Kunst und Technik: fünf mechanische Klaviere, elektronisch vernetzt und vertikal aufgetürmt sind des Rätsels Lösung, akustische Quelle und Kulisse dieser ganzen Zauberei.

Sabine Haupt
Neue Zürcher Zeitung (CH), 20 September 2007