Was ein Klavier zu erzählen weiß

Heiner Goebbels' "Stifters Dinge"

Seit wann eigentlich gibt es keine Natur mehr? In Heiner Goebbels' Musiktheater-Produktion "Stifters Dinge", die jetzt in Lausanne uraufgeführt wurde und ursprünglich den Arbeitstitel "The Piano Piece" trug, spielt das Jahr 1864 eine wichtige Rolle: das Erscheinungsjahr von Adalbert Stifters "Aus der Mappe meines Urgroßvaters". Ein Datum allerdings hilft wenig, eher geht es um einen historischen Prozess und um Phänomene, Haltungen und Artefakte, die sich als Symptome des Verlustes lesen lassen.
Bachs Musik könnte dazu gehören: Sie akzeptiert keine klaren Schranken mehr zwischen weltlicher und sakraler Charakteristik und bezieht daraus eine bis dato unbekannte Universalität. Jacob Isaacks van Ruisdaels Bild "Der Sumpf" (1660) macht sich auffällig dadurch, dass es zugleich naturalistisch und stimmungsvoll sein will. Die deutsche Romantik ist anderthalb Jahrhunderte später ein vorbildlicher Symptomträger, die Erfindung des deutschen Waldes markiert fast schon einen Endpunkt dieser Entwicklung: Da waren die Europäer aufgebrochen, um die letzten Reservate unangeeigneter Natur auf anderen Kontinenten zu kartografieren, in Sammlungen und Beschreibungen zu fassen und bald auch zu unterwerfen.
Theatrale Installationskunst
Heiner Goebbels' neues Stück ist auch so ein Symptom: Es reflektiert den Verlust von Natur, indem es Artefakte visuell und akustisch zu einer Natur-Maschine arrangiert. Es hat aufgehört, Theater sein zu wollen, kommt ohne Handlung, Interaktionen und dramatischen Text aus. Nur zwei Männer geben anfangs der Maschine ein wenig Input. "Stifters Dinge" ist eine theatrale Installation, die zu Betrachtungen unter anderem über das Theater einlädt. Eine reflexive Verwandtschaft besonders zu den älteren Arbeiten wie "Eraritjaritjaka" und "Ou bien le débarquement déastreux / Oder die glücklose Landung" ist deutlich, wobei die neue Produktion die Illusion und die Dinge zuspitzt.
Musiktheater ist das Stück auch dadurch, dass es Klaviere sind, die das Massezentrum der großen Bühnenmaschine bilden. Sie stehen nicht wie Klaviere dort, sondern wie eine Skulptur, und niemand spielt auf ihnen, sie spielen selber: Moderne Midi-Technik ist nicht zu schlagen, wenn es um die Herstellung archaischer Eindrücke geht. Kahle Äste signalisieren emotionale Reste des deutschen Waldes, Ruisdaels Bild wird in verschiedenen Farben auf den Prospekt projiziert, ein Klavier spielt Bachs Italienisches Konzert in F BWV 971, aus Lautsprechern, einer Bassdrum und gestimmten Plastikrohren kommen geräuschhafte Musikinseln und Klangbänder, die der Maschine ihren Rhythmus zeigen und sich manchmal zu den eingespielten Texten illustrativ verhalten. Den größten Raum nehmen drei Wasserbecken ein, die als Spiegelflächen benutzt werden und am Ende zur Simulation eines dampfenden, schäumenden Miniatur-Ur-Meeres.
Adalbert Stifter, biedermeierlicher Namenspatron dieser Produktion des frühen 21. Jahrhunderts, liefert mit seiner geduldig-demütigen Art der Betrachtung von Natur und Gegenstandswelten das Paradigma. Stifters Texte erzählen vom Eigenleben der Dinge, in dem Menschen eine wahrnehmende, kaum handelnde Randerscheinung sind. Heiner Goebbels' Installation arrangiert die Dinge so, dass sie eine Geschichte erzählen, die ihre eigene sein könnte: Was wüsste allein schon ein Klavier zu erzählen!
Unbeirrbare Entschleunigung
Zugleich macht sie deutlich, dass Dinge nur dann von sich erzählen können, wenn sie zu diesem Zwecke hergerichtet worden sind und wenn es Menschen gibt, die ihre Geschichte auf sich wirken lassen. Das Stifter/Goebbels'sche Maschinen-Installations-Theater nötigt durch unbeirrbare Entschleunigung zu ruhiger, staunender Wahrnehmung und beschäftigt durch die Skurrilität und suggestive Klarheit seines Eigenlebens, das sich nicht zuletzt der verspielten Anwendung zeitgenössischer Technik verdankt. Eine geschlossene Mannschaftsleistung, die eine ambivalente Menschheitsleistung reflektiert.
Am Ende kommt langsam und hydraulisch geräuschlos die schwere Bühnenmaschine nach vorn gefahren. Nein, sie verbeugt sich nicht, aber sie will Beifall, ganz offensichtlich. Das Publikum muss sich damit abfinden, einer Maschine zu applaudieren. Das Theater fand in den Köpfen statt.

Hans-Jürgen Linke
Frankfurter Rundschau (DE), 14 September 2007