Schnabelhiebe

Heiner Goebbels' Die Befreiung des Prometheus

Verschiedene Arten den Regen zu hören - mit vollen Händen schüttet der Perkussionist David Moss Erbsen über sein Schlagwerk, läßt sie von Trommeln, Becken und Blechen abtropfen und lauscht ihrem trockenen Geräusch. 'Endlich, von einem Regen begünstigt, der fünfhundert Jahre anhielt, konnte Herakles sich auf Schußweite nähern.' Die Rede ist von Der Befreiung des Prometheus. Im Rahmen der Verleihung des diesjährigen Hessischen Kulturpreises an Heiner Goebbels kam dessen Hörspiel im Frankfurter 'Theater am Turm' als szenisches Konzert zur deutschen Erstaufführung. Zwar hatte der Frankfurter Musik und Komponist sein preisgekröntes aural drama von 1985 schon in Italien, Frankreich und Spanien auf die Bühne gebracht, doch selten wirkte die Bearbeitung des Heiner-Müller-Textes so eindringlich. Die auf dreißig Minuten verdichtete Version ließ in fast schmerzlicher Schärfe die kalkulierten Brüche des musikalisierten Sprachmaterials spürbar werden.
Wolken aus flirrenden Klangsplittern ballen sich zusammen und hüllen die Rezitationen von Ernst Stötzner mit greifbaren Drohungen ein. 'Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß.' Während schon im Text von Heiner Müller die Sprache als ausgebleichtes Skelett aufscheint - nach seinem Wort 'reitet die Geschichte auf toten Gäulen' -, die Themenkreise von Mythos und Gesellschaft dauernd ineinander verschränkt bleiben, sprengt Heiner Goebbels die verschiedenen Bedeutungsschichten des Stoffs ein weiteres Mal auf. Aus den Bruchstellen von diskursivem Sinn und musikalischer Semantik springen unversehens neue Deutungsangebote hervor.
Schwerblütige Heavy-Metal-Motive aus den Keyboards demolieren die antiken Zusammenhänge. Free-Jazz-Zitate und irritierende Blasmusik aus dem Digitalspeicher lassen alle Sentimentalitäten des Geschichtenerzählers zerbrechen. Während Heiner Goebbels am Konzertflügel, Synthesizer und Schlagblech wie ein disziplinierter Dirigent aus dem Hintergrund das Hörspiel auf der Bühne steuert, entpuppt sich der monomanische Moss als heimlicher Motor des Geschehens. Als würde ein Kind seine Spielkiste ausschütten, so liebkost er sein schepperndes Schlagzeug. Er spielt nicht nur gegen die Monotonie von Rhythmusmaschien an, sondern zertrommelt mit trockenem Ton auch die Sprachrhythmen Heiner Müllers. Sein Spiel symbolisiert jene 'Musik der Bindestriche', die noch im Unstimmigen einen Rest von Stimmigkeit sucht. In wüster Vokal-Artistik wechselt Moss vom Opern-Belcanto zu Liebesgeflüster. Irrwitz als Präzisionsarbeit.
Ernst Stötzner minimalisiert in seinen Rezitationen persönlichen Ausdruck. Als wolle er den Text ohne alle subjektive Zutat zum Sprechen bringen, schildert er die schmerzliche Metamorphose des Titanen. Für Momente simuliert Stötzner, über den Köpfen der Darsteller an die Rückwand einer Rampe gespreizt, den angeschmiedeten Prometheus, doch solche naturalistischen Momente werden sofort von der assoziativen Wucht herabstürzender Klangbrocken überrollt. Dabei beschränken sich Bühnenbild und Dramaturgie auf sparsame Andeutungen: wechselnde Lichträume, ein angedeuteter Gang, ein paar Leitern in der Ecke, ein Kinderstuhl, Kreidestriche. Das Musikantische, die handwerkliche Intensität der Klangschöpfung macht aus dem bloßen Hörbild ein gestisches Szenario. Dabei stehen die kühlen Prozeduren der Textanalyse immer in Kontrast zur ruppigen Ausdrucksemphase. Zu einer lärmenden Kakaphonie aus Hollywood-Musiken wird Prometheus endlich von seinem Befreier Herakles vom Gebirge hinabgetragen. 'At last I'm free', dieser melancholische Selbstbehauptungssong des ehemaligen 'Soft Maschine'-Schlagzeugers Robert Wyatt klingt in der jubelnden Attacke von Heiner Goebbels am Ende wie ein Loblied auf die Zerrissenheit. Denn nach dem Selbstmord der Götter nimmt Prometheus die Haltung des Siegers ein. Er sehnt sich nach und wehrt sich zugleich gegen den Jubel der Bevölkerung. Es scheint, als hätte er in diesem Musiktheater, als Lusthaus und Schreckenskammer der Verwandlung, längst seinen Lieblingsplatz gewonnen.

Peter Kemper
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE), September 1993